Opposition bis 1989
Zäsur Mauerbau: Was bedeutete die Abschottung für die Opposition?
Als die Machthaber in der DDR am 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin abriegeln ließen, schlossen sie das letzte Schlupfloch zur Flucht nach Westdeutschland. Auch Gegnerinnen und Gegner des SED-Regimes hatten bis dahin darauf hoffen können, sich im Ernstfall über Berlin in Sicherheit zu bringen. Seit dieser Weg versperrt war und das Regime seine Macht gefestigt hatte, mussten sie sich auf die neue Situation einstellen. Sie setzten weniger auf fundamentalen Widerstand gegen den Staat als auf Opposition gegen die Politik der SED.
Die Auswirkungen des „Prager Frühlings“ 1968 auf die DDR
Das zeigte sich etwa in den Reaktionen auf die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968, als Truppen des Warschauer Pakts unter sowjetischer Führung die Hoffnungen auf Reformen der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei blutig beendeten. Während die SED die Militäraktion im Nachbarland unterstützte, kam es in der gesamten DDR zu Protesten. In Thüringen, d. h. in den Bezirken Gera, Erfurt und Suhl, malten Jugendliche über Nacht kritische politische Inschriften an Hauswände oder verteilten selbstverfasste Flugblätter. In Mühlhausen, Erfurt und Gotha entstanden sogar Demonstrationen zugunsten des tschechoslowakischen Parteiführers Dubček. Viele der mutigen jungen Leute wurden mit Haft bestraft.
Helsinki-Prozess und die Hoffnung auf Ausreise
Demonstration der Aktion „Weißer Kreis“ in Jena
Im Rahmen der Entspannungspolitik veränderte sich in den 1970er Jahren die Lage in Europa. Der DDR gelang eine internationale Aufwertung, die aber auch politische Zugeständnisse erforderte. So konnte sie, gemeinsam mit den Ostblockstaaten, 1975 auf der „Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (KSZE) zwar die Respektierung ihres Machtbereichs erreichen, musste sich jedoch zugleich öffentlich auf bestimmte Bürgerrechte verpflichten. Sowohl Regimekritiker als auch Menschen, die die DDR verlassen wollten, konnten sich von nun an auf die „Schlussakte von Helsinki“ berufen. Die SED setzte daher verstärkt auf frühzeitige Überwachung und Unterdrückung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Gerade in Thüringen gelang es dennoch einigen mutigen Bürgerinnen und Bürgern, die einen Ausreiseantrag gestellt hatten, ihr Anliegen offen einzufordern. Als „Weißer Kreis“ versammelten sie sich 1983 mehrfach zu stillen Demonstrationen in der Jenaer Innenstadt.
Proteste infolge der Biermann-Ausbürgerung
Wolf Biermann
Eine weitere Zäsur bildete 1976 der Entzug der DDR-Staatsbürgerschaft für den Liedermacher Wolf Biermann. Als der trotz Auftrittsverbots weithin bekannte Musiker nach einem Konzert in der Bundesrepublik nicht in seine Heimat zurückkehren durfte, solidarisierten sich zahlreiche bekannte Künstlerinnen und Künstler, aber auch einfache Bürgerinnen und Bürger in der ganzen DDR mit ihm. Ein Zentrum der Proteste war die thüringische Universitätsstadt Jena, die schon zuvor als Schwerpunkt der oppositionellen Szene galt. Das ging besonders auf die von dem Braunsdorfer Pfarrer Walter Schilling begründete „Offene Arbeit“ der evangelischen Kirche zurück, zu deren Aktivitäten auch nicht kirchlich gebundene Jugendliche willkommen waren. Aber auch Kunstschaffende, darunter die Schriftsteller Lutz Rathenow und Jürgen Fuchs, waren in Jena wie in vielen anderen Orten wichtige Sprachrohre der Regimekritik. Die Staatssicherheit reagierte mit aller Härte. Allein in Jena wurden wegen einer Unterschriftenaktion zugunsten Biermanns etwa 50 Personen verhaftet.
Die 80er: Ostdeutsche Umwelt- und Friedensgruppen
Angesichts eines neuen Wettrüstens und der unübersehbaren Umweltverschmutzung entstand Anfang der 1980er Jahre in der DDR, wie in vielen Ländern, eine Friedens- und Umweltbewegung. Unter dem Dach evangelischer Gemeinden und trotz massiver Unterdrückungsmaßnahmen des MfS kamen auch in Thüringen zahlreiche Gruppen, die in dem Erfurter Propst Heino Falcke einen namenhaften Fürsprecher fanden, zu Diskussionen und Aktionen zusammen. Besonders prominent war die Friedensgemeinschaft Jena, zu deren Gründern Roland Jahn zählte. Er war bereits wegen seines Protests gegen die Biermann-Ausbürgerung von der Universität geworfen worden und wurde 1983 gewaltsam aus der DDR verwiesen.
In Gera widmete sich Michael Beleites den dramatischen Folgen des Uranabbaus der SDAG Wismut. In seiner 1988 im Untergrund veröffentlichten Studie „Pechblende“ wies er Strahlenbelastung, Umwelt- und Gesundheitsschäden nach. Während die SED solche Daten als geheim unterdrückte, erfuhr nun über die Berichterstattung im westdeutschen Fernsehen, das fast überall in der DDR empfangen wurde, ein breiteres Publikum von den Gefahren.
Wie kam es zum Mauerfall?
Montagsdemonstration, 9.10.89 in Leipzig
Ende der 1980er Jahre verstärkte sich bei vielen Menschen in der DDR ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Wenn auch in der Sowjetunion seit dem Amtsantritt von Parteichef Michael Gorbatschow 1985 Lockerungen erkennbar wurden, verweigerte sich die altersstarre SED-Spitze jeder Veränderung, obwohl die Fundamente ihrer Macht bereits wankten. Der wirtschaftliche Niedergang wurde offensichtlich, der Raubbau an der Natur war unübersehbar und das Lügengebäude der Propaganda fiel endgültig zusammen, als Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler im Mai 1989 die Fälschung der Kommunalwahlen nachwiesen. Nachdem im Sommer des Jahres die ungarische Regierung die Grenze nach Österreich geöffnet hatte, versuchten Zehntausende die DDR zu verlassen. Im Herbst spitzte sich die Lage zu. Gebannt schauten auch viele Thüringerinnen und Thüringer nach Leipzig, wo am 9. Oktober 1989 rund 70.000 Menschen für politische Reformen auf die Straße gingen. Die erfolgreiche Montagsdemonstration war der Auftakt der Friedlichen Revolution, die zum Fall der Mauer und zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Boeger, Peter/Catrain, Elise: Stasi in Thüringen: Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl, Berlin 2018. (Schriftenreihe BStU)
Fritsch, Werner/Nöckel, Werner: Vergebliche Hoffnung auf einen politischen Frühling. Opposition und Repression an der Universität Jena 1956-1968. Eine Dokumentation, Jena 2006.
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Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.