Landwirtschaft im „Arbeiter-und-Bauern-Staat“
Was bedeutete die Bodenreform für die Landwirtschaft?
Walter Ulbricht besucht die LPG in Merxleben
Seit dem Abschluss der sogenannten Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone 1948, die eine entschädigungslose Enteignung großer Güter und Landwirtschaften zugunsten von Landarbeiterinnen und Landarbeitern, Heimatvertriebenen bzw. Neubauern erzwungen hatte, war Thüringen zunächst noch durch private bäuerliche Bewirtschaftung geprägt. Aber bereits damals wurden angestammte Betriebe, deren Besitzer als kapitalistische Klassenfeinde galten, durch unzureichende Materialversorgung und besonders hohe Ablieferungsverpflichtungen benachteiligt. Ab 1952 setzte dann unter dem von der 2. Parteikonferenz der SED verkündeten Programm zum „Aufbau des Sozialismus“ eine systematische Kampagne zur Kollektivierung ein. Private Bäuerinnen und Bauern wurden mit harschen Methoden gedrängt, auf Kosten ihrer Selbständigkeit in „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften“ (LPG) einzutreten. Die erste LPG der DDR entstand im Juni 1952 im thüringischen Merxleben, Kreis Langensalza, und galt als Musterbeispiel für das ganze Land.
Doch die von der Propaganda der SED versprochenen Vorteile der Kollektivierung stellten sich nicht ein. Zwar stieg die Zahl der LPG bis Mitte der 1950er Jahre auf etwa 6.000 an, die erhoffte Steigerung der Agrarproduktion blieb jedoch aus. Zahlreiche LPG mussten sogar vom Staat finanziell unterstützt werden. Zugleich gingen viele Privatbetriebe verloren, weil ihre Besitzer nach Westdeutschland flüchteten. Vor allem bei der Tierproduktion fehlten mit dem Weggang dieser Bäuerinnen und Bauern entscheidende Kenntnisse und Erfahrungen. Besonders deutlich wurde das am Beispiel der 1957 vom SED-Zentralkomitee beschlossenen Einführung von Rinder-Offenställen nach sowjetischem Vorbild, die eine effizientere Viehwirtschaft ermöglichen sollten. Der damit verbundene Verzicht auf drei Außenwände sparte zwar Material, gefährdete aber die Gesundheit der Tiere. Nach einem Bericht des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) war bis Ende 1960 die Mehrzahl dieser Ställe nicht funktionsfähig. In Suhl musste sogar ein mit der seriellen Fertigung beauftragter Betrieb seine Arbeit einstellen, weil die Abnehmer vor Ort ihre Bauvorhaben abgebrochen hatten.
Eine Folge derartiger Fehlplanungen waren Versorgungsschwierigkeiten bei Nahrungsmitteln. Diese gingen allerdings auch auf die zur selben Zeit ihrem Höhepunkt entgegengehende zweite Phase der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft zurück. Im „sozialistischen Frühling auf dem Dorfe“ wurden 1960 mehr als 500.000 Bauernfamilien sowie Landarbeiterinnen und Landarbeiter mit massiven Drohungen zur Aufgabe ihrer Selbständigkeit genötigt. Wieder flohen Tausende in die Bundesrepublik und verschärften den Arbeitskräftemangel in den kollektivierten Betrieben.
Massenbetriebe in der Landwirtschaft: Zwischen Erfolg und hohen Kosten
Danach trieb die SED ab Ende der 1960er Jahre eine weitgehende Industrialisierung der Landwirtschaft voran. Das betraf zunächst den Ackerbau. Zur Ausweitung der Flächen und ihrer Bearbeitung mit größeren Maschinen sollten die LPG in übergeordneten Kooperativen Abteilungen Pflanzenproduktion (KAP) zusammenarbeiten. Sie bildeten dafür großformatige Felder, auf denen 1.210 KAP im Jahr 1975 rund 80 Prozent der Agrarflächen in der DDR bewirtschafteten. 1976 beschloss ein Parteitag der SED zusätzlich die Trennung der traditionellen Verbindung von Pflanzen- und Tierproduktion. Nun entstanden auch riesige Stallanlagen für Rinder, Schweine und Geflügel. Im thüringischen Frießnitz bot beispielsweise eine Kälberaufzuchtanlage 3.200 Plätze. Bei Neustadt im Bezirk Gera wurden bis zu 185.000 Schweine zur Schlachtreife gebracht. Die „Kombinate industrielle Mast“ hielten zur Eierproduktion allein in Wandersleben 750.000 Hennen auf einer Fläche von 60 Hektar.
Die Spezialisierung und Konzentration der Landwirtschaft war nur zum Teil erfolgreich, manche Fehlentwicklungen mussten in den 1980er Jahren korrigiert werden. Vor allem aber zeigten sich enorme Schattenseiten. Der überdimensionierte Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln sowie die Verdichtung der Böden durch schwere Maschinen beeinträchtigten langfristig die Erträge der Feldwirtschaft. Die umfängliche Viehhaltung verursachte höhere Kosten für Hygiene und Seuchenschutz. Mit den pflanzenproduzierenden Großbetrieben kam es zu Konflikten über ausreichende Futterlieferungen, die Entsorgung der Gülle und die Verteilung der Arbeitskräfte. Nicht zuletzt waren die Folgen für die Umwelt dramatisch.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Mieck, Ilja: Kleine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer, Stuttgart 2009.
Schöne, Jens: Die Landwirtschaft der DDR 1945-1990, Erfurt 2015.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.