Industrie in Ostdeutschland
Großbetriebe mit Sonderstellung: SAG und die Wismut AG
VEB Fahrzeug und Gerätebau Simson in Suhl
Bis 1954 existierten in der DDR zahlreiche Großbetriebe, die als „Sowjetische Aktiengesellschaften“ (SAG) Eigentum der Sowjetunion waren. Sie produzierten überwiegend für den Bedarf der Siegermacht, die sich auf diese Weise Reparationen als Ausgleich für ihre immensen Kriegsschäden sicherte. Allein im Bezirk Suhl gehörten dazu 14 SAG-Betriebe mit rund 14.770 Beschäftigten, darunter die Fahrzeug- und Waffenfabrik Simson Suhl und die Kali-Betriebe an der Werra. Das größte Unternehmen im Besitz der Sowjetunion war jedoch die Wismut AG, die im thüringisch-sächsischen Abbaugebiet östlich von Gera Uran ausschließlich für die sowjetische Atomindustrie und Kernwaffenproduktion förderte. Das Bergbau-Unternehmen bestand als Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) bis 1990 und machte die DDR hinter der UdSSR, den USA und Kanada zum viertgrößten Uranproduzenten der Welt. Die „Wismut“, wie die landläufige Bezeichnung lautete, war ein Staat im Staat: Sie bot ihrer unter schweren Bedingungen und hohen Gesundheitsrisiken arbeitenden Belegschaft eine bevorzugte Versorgung in gesonderten Verkaufsstellen, ein leistungsfähiges Gesundheitswesen mit mehreren Krankenhäusern, attraktive kulturelle Möglichkeiten und einen eigenen Feriendienst zur Erholung. Die SED stellte eigens eine Parteiorganisation, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) eine Abteilung mit über hundert Hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die eng mit den sowjetischen Geheimdiensten zusammenwirkten.
Wartburg, Schwalbe und Zeiss: Industrie in Thüringen
Daneben herrschte in den drei Bezirken auf dem Gebiet Thüringens anfänglich eine Streuung von überwiegend privaten Klein- und Mittelbetrieben vor. So waren 1952 im Bezirk Erfurt gut 40 Prozent der Industriearbeiterinnen und -arbeiter in privaten Unternehmen tätig. Noch 1966 hatten dort 33,6 Prozent der Betriebe weniger als 25 Beschäftigte. Besonders herausfordernd erschien die Lage im katholisch geprägten Randgebiet des Eichsfelds, das durch die deutsche Teilung seine westliche Orientierung nach Göttingen und Kassel verloren hatte. Hier beschloss die SED 1958 mit dem sogenannten Eichsfeldplan eine gezielte Industrie- und Bevölkerungsansiedlung. Allein in Leinefelde wuchs durch die Errichtung einer großen Baumwollspinnerei 1962 die Einwohnerzahl von rund 2.700 auf über 16.000 im Jahr 1988.
In den übrigen Regionen entwickelte sich die Industrie weitgehend kontinuierlich aus den vorhandenen Strukturen: Stahlproduktion, Metallverarbeitung, Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik, Feinmechanik, Mikroelektronik, Optik, Chemiefaser- und Textilindustrie, Kali-Bergbau, Keramik- und Glasherstellung, Lederwaren- und Spielzeugfertigung, Holzverarbeitung. Besonders prominent waren die weltbekannten optischen und feinmechanischen Erzeugnisse des VEB Carl Zeiss Jena sowie der Fahrzeugbau, so für den PKW „Wartburg“ im VEB Automobilwerk Eisenach oder für die Motorräder bzw. Kleinkrafträder des VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ in Suhl, der das legendäre Moped „Schwalbe“ produzierte.
Wieso führten die staatlichen Eingriffe zum wirtschaftlichen Zerfall?
1972 wurden in der DDR auch die letzten Privatbetriebe enteignet und in Volkseigene Betriebe (VEB) umgewandelt. Davon waren nicht zuletzt viele Spielzeughersteller im thüringischen Sonneberg und Waltershausen betroffen. Ab 1978 entstanden aus dem Zusammenschluss zahlreicher VEB landesweit 133 der zentralen Wirtschaftslenkung unterstellte große Kombinate. Doch die damit erhoffte Steigerung der Produktivität und Effizienz stellte sich nicht ein. Die industrielle Konzentration führte stattdessen zu mehr Bürokratie sowie nachteiligem Unabhängigkeitsstreben bei Rohstoffen, Vorprodukten und Ersatzteilen auf Kosten der erhofften Spezialisierung und Arbeitsteilung. Weil das Kapital für Investitionen fehlte, blieben notwendige Modernisierungen aus. Seit Mitte der 1980er Jahre wurden etwa im Maschinenbau viele Produkte auf sowjetische Bedarfsvorgaben ausgerichtet, weil sie wegen veralteter Produktionsstätten nur noch im Ostblock verkäuflich waren. Zugleich musste der hohe Personalbedarf der alten Anlagen zusätzlich durch Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter gedeckt werden, die sogar aus Vietnam, Kuba oder afrikanischen Staaten kamen.
Ausbleibendes Wirtschaftswunder: Die DDR verfehlt den Anschluss
Präsentation eines Musters des ersten 32-bit-Mikroprozessors, August 1989
Auch die großen Hoffnungen der SED-Führung auf Erfolge in der Mikroelektronik erfüllten sich nicht. Trotz erheblicher finanzieller Unterstützung und umfangreicher Wirtschaftsspionage, mit der das MfS das westliche Embargo für entsprechende Bauteile und Produktpläne unterlief, gelang es den thüringischen Kombinaten Mikroelektronik Erfurt und Carl Zeiss Jena sowie dem Kombinat Robotron Dresden nicht, konkurrenzfähige Mikrochips herzustellen. Als dem Generalsekretär der SED Erich Honecker am 14. August 1989 in Erfurt das erste Muster eines 32-Bit-Prozessors präsentiert wurde, war das Produkt längst veraltet. Die DDR hinkte der internationalen Entwicklung um etwa acht Jahre hinterher.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Boeger, Peter/Catrain, Elise: Stasi in Thüringen: Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl, Berlin 2018. (Schriftenreihe BStU)
Mieck, Ilja: Kleine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer, Stuttgart 2009.
Sartor, Lutz: Die „Wismut“ in Thüringen (= Thüringen, Blätter zur Landeskunde, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung), Erfurt 2007.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.