Die Wirtschaft der DDR entwickelte sich nach detaillierten Plänen, die im Apparat der „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (SED) erarbeitet, von der Parteispitze beschlossen und bis auf die unteren lokalen Ebenen durchgesetzt wurden. Nur formal lag die Zuständigkeit auch bei der Regierung, d. h. beim Ministerrat und den Fachministerien. Schon vor der Staatsgründung 1949 waren in der Sowjetischen Besatzungszone Banken und Großbetriebe verstaatlicht sowie die großen Landwirtschaften enteignet worden. Damit waren die Voraussetzungen für die Zentralverwaltungswirtschaft nach dem Vorbild der Sowjetunion im Wesentlichen geschaffen. Die Verstaatlichung der letzten rund 11.000 Privatunternehmen, darunter viele thüringische Spielzeugproduzenten, und ihre Überführung in Volkseigene Betriebe (VEB) schloss diesen Prozess 1972 ab.
Wie griff die SED in die Wirtschaft ein?
Bundesarchiv, Bild 183-R0430-304 / Fotograf(in): o. Ang.
Günter Mittag
Die mehrjährigen Pläne für die Wirtschaft legten sowohl den Bedarf als auch alle Einzelheiten der Produktion und des Absatzes von Gütern aller Art für einen bestimmten Zeitraum fest. Die wichtigsten Entscheidungsbefugnisse in diesem Bereich lagen beim Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED für Wirtschaftsfragen. Dieses Amt hatte seit 1962 Günter Mittag inne, der sich dabei aufs Engste mit den Parteichefs Walter Ulbricht und später Erich Honecker abstimmte. Er stand den zuständigen ZK-Abteilungen vor und war zugleich Vorsitzender der Wirtschaftskommission sowie weiterer Arbeitsgruppen, die die Weichenstellungen bei allen Grundsatzthemen vornahmen. Dazu gehörten auch die Vorlagen der Staatlichen Plankommission, auf deren Grundlage die obersten Gremien der SED entschieden.
Mittag besaß jedoch als SED-Spitzenfunktionär auch unmittelbare Weisungsbefugnis gegenüber dem gleichfalls der SED angehörenden Leitungspersonal der großen Produktionsbetriebe und konnte daher jederzeit in die Abläufe eingreifen. Zusätzlich kontrollierten vor Ort sogenannte Parteiorganisatoren des ZK sowie Arbeiter- und Bauerninspektionen die Umsetzung von Plänen und Parteibeschlüssen. Darüber hinaus hatten die SED-Sekretäre auf Bezirks- und Kreisebene mit ihren Parteiapparaten unmittelbare Einflussmöglichkeiten. Schließlich überwachte auch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) die Betriebe und berichtete regelmäßig an die Partei- und Staatsführung.
Die Planwirtschaft in Thüringen
Dieses komplexe System verursachte einen außerordentlichen bürokratischen Aufwand und schwächte die Flexibilität und Effizienz der DDR-Wirtschaft. Die überwiegend stark industrialisierten Bezirke Erfurt, Gera und Suhl waren davon gleichermaßen betroffen. Sie wiesen jedoch immerhin eine relativ ausgewogene Struktur auf. Die Bevölkerung verteilte sich auf ländliche Regionen und allenfalls mittelgroße Städte ohne ausufernde Ballungsgebiete, die in anderen Teilen der DDR wegen nahegelegener Industrien oft von schwerer Umweltverschmutzung gezeichnet waren. Die thüringischen Bezirke galten daher mit ihrem Wald- und Wasserreichtum in weiten Teilen als bevorzugte Urlaubsziele.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Mieck, Ilja: Kleine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer, Stuttgart 2009.
Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945, Bonn 2021.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.