Die innerdeutsche Grenze
Wie war die Grenze aufgebaut?
Grenze zwischen Thüringen und Bayern bei Asbach
In der Zeit der deutschen Teilung trennte die DDR und die Bundesrepublik eine Grenze, die seit der Besetzung Deutschlands 1945 zunächst als sogenannte Demarkationslinie die Sowjetische Besatzungszone von den Besatzungszonen der USA und Großbritanniens unterschieden hatte. Sie war zugleich die Nahtstelle, an der sich Europa in Ost und West teilte und die Militärblöcke – NATO und Warschauer Pakt – aufeinandertrafen. Allein 761 Kilometer der insgesamt 1.400 Kilometer langen Grenze verliefen an den Rändern Thüringens bzw. der Bezirke Erfurt, Suhl und Gera. Dabei handelte es sich um eine monströse tödliche Sperranlage mitten in Deutschland, an der zahlreiche Fluchtversuche aus der DDR in die Bundesrepublik scheiterten und mindestens 238 Menschen starben. Rund 30 Autobahnen und Fernstraßen, 140 Landstraßen sowie Tausende lokale Verbindungswege wurden durchschnitten. Es existierten bis 1989 insgesamt nur zehn Straßen- und acht Eisenbahnübergänge, die für Westdeutsche unter bestimmten Auflagen, für Ostdeutsche im Normalfall überhaupt nicht passierbar waren.
Der ausgeklügelte Ausbau begann 1952 auf persönliche Anweisung des sowjetischen Diktators Josef Stalin und mit Unterstützung der Besatzungsbehörden der Sowjetunion. Wie entlang der gesamten Grenze wurde auch in den thüringischen Abschnitten eine fünf Kilometer breite, streng kontrollierte Sperrzone errichtet, die nur mit Passierscheinen betreten werden durfte. Daran schlossen sich ein Schutzstreifen von 500 Metern und ein Kontrollstreifen von 10 Metern Breite an, ehe ein Zaun die letzte Barriere bildete, an der zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen scharf geschossen wurde.
„Aktion Ungeziefer“ – Zwangsmaßnahme zur Räumung des Grenzgebiets
Im Mai und Juni 1952 wurden unter der entlarvenden Bezeichnung „Aktion Ungeziefer“ Tausende Bewohnerinnen und Bewohner der Sperrzone zum Verlassen ihrer Häuser oder Wohnungen gezwungen und gegen ihren Willen ins Landesinnere umgesiedelt. Der einzige Grund dafür war, dass sie der SED und dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) als politisch bedenklich galten. Dasselbe wiederholte sich noch einmal im Oktober 1961 als „Aktion Festigung“. Insgesamt verloren über 11.000 Menschen ihre Heimat, fast die Hälfte davon kamen aus Thüringen. 3.000 Betroffene entzogen sich der Zwangsumsiedlung durch Flucht in den Westen, darunter am 2. Oktober 1961 fast die gesamte Dorfgemeinschaft aus dem thüringischen Böseckendorf.
„Abstimmung mit den Füßen“ – Die Grenze als Machtsicherung
Mauerbau in Berlin
Bis dahin waren seit 1949 etwa drei Millionen Menschen über die Viermächte-Stadt Berlin, wo die Sektorengrenze zwischen Ost und West noch nicht vollkommen abgeriegelt war, in die Bundesrepublik geflohen. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 schloss die SED auch diese letzte Lücke. Sie ließ auch die innerdeutsche Grenze noch perfekter ausbauen: Riesige Zaunanlagen mit Wachtürmen und Scheinwerfern, Stolper- und Signaldrähten, Tretminen und zeitweise sogar automatischen Selbstschussanlagen machten eine Überwindung fast unmöglich. Als 1979 zwei Familien aus Pößneck mit einem selbstgebauten Heißluftballon die Flucht über die Grenze von Thüringen nach Bayern gelang, war dies ein aufsehenerregender Einzelfall.
Für die SED-Machthaber war die „Staatsgrenze“, wie sie die Todeslinie zur Betonung der Eigenstaatlichkeit der DDR nannten, weit mehr als die Abgrenzung ihres Hoheitsgebiets. Sie war eines der entscheidenden Fundamente ihrer Herrschaft. Der Blick auf die Flüchtlingszahlen und die vielen verzweifelten Versuche, die DDR zu verlassen, offenbarten, dass das Land keine Zukunft haben würde, wenn die Menschen frei entscheiden konnten, wo sie leben wollten. Die „Abstimmung mit den Füßen“ sprach von Anfang an gegen die Diktatur. Sie war denn auch eine wesentliche Ursache ihres Scheiterns, als im Sommer 1989 wieder Zehntausende nach Möglichkeiten suchten, die DDR in Richtung Westen zu verlassen.
Bennewitz, Inge/Portratz, Rainer: Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze. Analysen und Dokumente, Berlin 1994.
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Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.