Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS)
Die Gründung der „Stasi“
Luftbild der Bezirksverwaltung des MfS in Gera
Zwischen 1986 und 1988 entstand im thüringischen Gera der Neubau der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS). Das riesenhafte Areal bot rund 2.380 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Platz und belegt anschaulich die Bedeutung der „Stasi“ und den enormen bürokratischen Aufwand für ihre umfassende Überwachungs- und Unterdrückungstätigkeit.
Das Ministerium wurde 1950 nach sowjetischen Vorgaben gegründet und hatte neben seinem Hauptsitz in Ost-Berlin regionale Verwaltungen zunächst in den damals noch bestehenden Ländern. Nach deren Abschaffung 1952 und der Einführung der Bezirke in der DDR schuf die Staatsicherheit im Gebiet Thüringens neben der gesonderten „Verwaltung Wismut“ jeweils Bezirksverwaltungen in den Bezirksstädten Erfurt, Gera und Suhl, denen 32 Kreisdienststellen und eine eigene Objektdienststelle Carl-Zeiss Jena zugeordnet waren.
Verhinderung von politisch Unerwünschtem: Wie ging das MfS vor?
Erich Mielke
Die zuletzt etwa 91.000 Hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MfS sahen sich als „Schild und Schwert der Partei“. Tatsächlich war die Behörde allein der SED rechenschaftspflichtig und unterstand auf allen Ebenen deren Weisungsbefugnis. Die Hauptaufgabe bestand in der bedingungslosen Sicherung der SED-Herrschaft gegen Bedrohungen von außen und innen. Für äußere Gefahren waren die Spezialisten der Spionage und Spionageabwehr zuständig, während der Großteil des Personals gegen vermeintliche innere „Feinde“ und zur Verhinderung jedweder politisch unerwünschter Aktivitäten eingesetzt wurde.
Ein prominentes Fallbeispiel für Thüringen war am 19. März 1970 die Absicherung des Treffens von Bundeskanzler Willy Brandt und Ministerpräsident Willi Stoph in Erfurt. Es handelte sich um die erste offizielle Begegnung der Regierungschefs der Bundesrepublik und der DDR seit der doppelten Staatsgründung 1949. Allerdings versagte die Staatssicherheit trotz umfassender Vorbereitungen dabei, eine am Hotel „Erfurter Hof“ zur Begrüßung auf den Vorplatz drängende Menschenmenge unter Kontrolle zu halten, die den westdeutschen Regierungschef ans Fenster rief und bejubelte. Nur mit gehörigem Aufwand gelang es anschließend, einige SED-Parteigenossen zu Jubelrufen für den DDR-Regierungschef herbeizuschaffen.
Doch das MfS hatte auch brutale Verfolgungen und Todesfälle zu verantworten. So wurde der ehemalige Grenzpolizist Manfred Smolka aus dem thüringischen Titschendorf, der 1958 über die innerdeutsche Grenze nach Bayern geflohen war, bei dem Versuch, seine Familie nachzuholen, in einen Hinterhalt gelockt, angeschossen und in die DDR verschleppt. Das Bezirksgericht Erfurt verurteilte ihn am 5. Mai 1960 wegen angeblicher Spionage zum Tod. Staatssicherheitsminister Erich Mielke persönlich befürwortete die Vollstreckung des Urteils, um ein Exempel an dem als Verräter geltenden 29-jährigen Familienvater zu statuieren.
1981 kam in der MfS-Untersuchungshaftanstalt Gera der junge Friedensaktivist Matthias Domaschk zu Tode. Er hatte sich in der evangelischen Jungen Gemeinde Jena-Stadtmitte engagiert und Kontakte zu anderen oppositionellen Kreisen in der DDR, aber auch in der Tschechoslowakei und Polen gesucht. Am 12. April 1981 starb er unter ungeklärten Umständen nach stundenlangen Verhören.
Wer war das MfS?
In Erfurt werden 1990 Stasi-Akten gesichert
Ende der 1980er Jahre beschäftigte die Staatssicherheit in den drei thüringischen Bezirken ca. 6.500 Hauptamtliche und 19.000 Inoffizielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Solche IM verpflichteten sich zur verdeckten Berichterstattung über Personen oder Gruppen, die als politisch gefährlich galten. Sie wurden auch zur besonders heimtückischen „Zersetzung“ unter Ausnutzung menschlicher Beziehungen verwendet. Allein im Bezirk Erfurt standen schließlich 35.000 Personen unter Beobachtung. Aber auch über die gesamte Bevölkerung der DDR konnte das MfS jederzeit Informationen einholen, da es Zugriff auf etwa 300 Datenbanken verschiedenster Behörden besaß. Das ganze Ausmaß des Kontrollwahns zeigte sich am Ende der DDR: Für den Bezirk Erfurt existieren 6.500 laufende Meter Akten, für Gera 5.500 und für Suhl 4.000 Regalmeter. Insgesamt produzierte die Behörde 180.000 Regalmeter Archivalien.
Boeger, Peter/Catrain, Elise: Stasi in Thüringen: Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl, Berlin 2018. (Schriftenreihe BStU)
Herz, Andrea: Das MfS in Thüringen. Ein erster Überblick. Hg. vom Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Erfurt 1994.
Pietzsch, Henning: Jugend zwischen Kirche und Staat. Geschichte der kirchlichen Jugendarbeit in Jena 1970–1989, Köln/Weimar/Wien 2005.
Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945, Bonn 2021.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.