Das Ende der Planwirtschaft in der DDR
Wirtschaftliche Leistungssteigerung als „Hauptaufgabe“
VIII. Parteitag der SED, 17.6.1971 in Berlin
Im Juni 1971 formulierte der neu ins Amt gekommene SED-Chef Erich Honecker auf dem VIII. Parteitag höchst ehrgeizige Ziele. Er erklärte die Anhebung des Lebensstandards in der DDR auf der Basis einer wirtschaftlichen Leistungssteigerung zur „Hauptaufgabe“ der Zukunft. Unter dem Stichwort der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ sollten durch eine erhöhte Produktivität soziale Wohltaten und breitere Konsummöglichkeiten finanziert werden. Vor allem wurde ein umfangreiches Bauprogramm aufgesetzt, mit dem bis 1990 drei Millionen neue Wohnungen entstehen sollten, um den akuten Wohnungsmangel endgültig zu beseitigen.
Wieso scheiterte die Wirtschaftspolitik der SED?
Von Anfang an gab es unter den Wirtschaftsexperten der Staatlichen Plankommission, der Staatsbank und des Finanzministeriums der DDR ernste Zweifel an der Realisierbarkeit dieser kostspieligen Politik. Doch die SED-Führung bestand darauf, auf diesem Weg die Vorteile des „real existierenden Sozialismus“ unter Beweis zu stellen. Allerdings führten die hohen Ausgaben bald in die ökonomische Sackgasse, weil sie nicht – wie geplant – durch erhöhte Produktivität und vermehrte Warenverkäufe auf dem Weltmarkt gedeckt werden konnten. So wurden Kreditaufnahmen im Ausland und Einsparungen bei Investitionen für die Modernisierung der Wirtschaft notwendig, die sich ihrerseits nachteilig auf deren Entwicklung auswirkten. Zinslasten für die Auslandsschulden, fehlende Einnahmen wegen rückständiger Produktion und die Finanzierung zusätzlicher Arbeitskräfte für die veralteten Fabriken erzeugten einen Teufelskreis steigender Kosten. Dazu kamen die hohen Ausgaben für Militär, Sicherheitsorgane und Grenzanlagen, die bis 1978 auf 13 Prozent des Staatshaushalts stiegen.
Als Anfang der 1980er Jahre die Preise für die Rohstoffeinfuhren explodierten und zugleich die Sowjetunion ihre bis dahin billigen Erdöllieferungen kürzte und verteuerte, drohte erstmals der Kollaps. Das SED-Regime versuchte mit dem Umstieg der Energieversorgung auf heimische Braunkohle gegenzusteuern, der seinerseits enorme Finanzmittel verschlang und unübersehbare Umweltschäden verursachte. Jede Möglichkeit, westliche Devisen zur Bezahlung von Importen und Krediten aus dem Ausland zu erhalten, wurde genutzt: Man erhöhte den Mindestumtausch von D-Mark, den Reisende aus der Bundesrepublik beim Grenzübertritt in die DDR zu zahlen hatten, baute die „Intershops“ aus, in denen DDR-Bürgerinnen und -Bürger Waren gegen Westmark einkaufen konnten, exportierte Fleisch auf Kosten der eigenen Versorgung und verkaufte Waffen und Antiquitäten, ja sogar alte Pflastersteine in den Westen.
Verhinderte der Mauerfall den wirtschaftlichen Zusammenbruch?
Neubauten in Gera
1983 konnte sich die DDR nur durch einen vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß vermittelten Milliardenkredit vor der Zahlungsunfähigkeit retten. Zwar hielten die Machthaber aus ideologischen Gründen daran fest, die wichtigsten Güter des täglichen Bedarfs billig zu halten, doch machten Einsparungen bei der Konsumgüterproduktion die Schwierigkeiten nun auch für die Bevölkerung spürbar. Selbst das Wohnungsbauprogramm blieb weit hinter den Zielsetzungen zurück. Tatsächlich entstanden in vielen Städten der DDR große, von „Plattenbauten“ geprägte Neubaugebiete wie etwa in Thüringen in Suhl, Erfurt-Nord und
-Südost, Jena-Neulobeda, Gera-Lusan oder Gera-Bieblach. Doch insgesamt konnten bis 1989 nur 60 Prozent der versprochenen Wohnungen modernisiert oder neu errichtet werden. Zugleich verfielen vor aller Augen die Altbauten in den Innenstädten.
Ende der 1980er Jahre drohte erneut der wirtschaftliche Zusammenbruch. Vergebens warnte im April 1988 Gerhard Schürer, der Leiter der Staatlichen Plankommission, vor dem Staatsbankrott und riet zu einem radikalen Kurswechsel. Die Spitzenfunktionäre der SED, allen voran Erich Honecker und sein Vertrauter Günter Mittag, setzten sich über die Tatsachen hinweg. Als im Herbst 1989 die SED-Herrschaft mit der Friedlichen Revolution endete, war auch das sozialistische Experiment der Planwirtschaft in der DDR gescheitert.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Mieck, Ilja: Kleine Wirtschaftsgeschichte der neuen Bundesländer, Stuttgart 2009.
Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945, Bonn 2021.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.