17. Juni 1953
Was führte zur Unzufriedenheit in der jungen DDR?
Vorsitzender der LPG "Thomas Müntzer" und ein Brigadier
Das im Juli 1952 auf der 2. Parteikonferenz der SED verkündete Programm zum „Aufbau des Sozialismus“ verstärkte die ohnehin schon vorhandenen ökonomischen Schwierigkeiten der DDR dramatisch. Die Kollektivierung der Landwirtschaft, die zahlreiche selbständige Bäuerinnen und Bauern zum Eintritt in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zwang oder zur Flucht nach Westdeutschland trieb, führte zu Einbrüchen in der Agrarproduktion. Durch die massive Aufrüstung stiegen die Militärausgaben auf 11 Prozent des Staatshaushalts. Gleichzeitig waren weiterhin Reparationen und Aufwendungen für die Besatzungstruppen an die Sowjetunion zu zahlen. Im Frühjahr 1953 führte die vorrangige Förderung der Schwerindustrie auf Kosten der Konsumgüterindustrie zu deutlichen Engpässen bei Waren des täglichen Bedarfs, die nun auch für die Bevölkerung spürbar wurden. Selbst einige der noch immer nur auf Zuteilung erhältlichen Grundnahrungsmittel wurden deutlich teurer.
Zugleich verschärfte sich das innenpolitische Klima: Schon 1952 hatten die gewaltsame Umsiedlung von Bewohnerinnen und Bewohnern der Grenzregionen zur Bundesrepublik und die Angriffe auf die Kirchen Empörung ausgelöst. Hoffnungen auf politische Lockerungen nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin im März 1953 waren unerfüllt geblieben. Nun erhöhten die Machthaber zur Erschließung neuer Geldquellen die Einkommens- und Handwerkersteuern und entzogen den DDR-Bürgerinnen und -Bürgern, die in West-Berlin arbeiteten, die Lebensmittelkarten, so dass sie in den erheblich teureren Läden der staatlichen Handelsorganisation (HO) einkaufen mussten. Im Mai 1953 schließlich ließ die SED-Führung auch noch die Arbeitsnormen in der Produktion erhöhen, von deren Erfüllung die Höhe der Löhne abhing.
Juni 1953 – Der Beginn des Aufstands
Der Druck ließ die Fluchtbewegung aus der DDR rasant ansteigen, 1953 wurden bis zur Jahresmitte über 300.000 Flüchtlinge gezählt. Sogar die sowjetische Führung verlangte nun eine Lockerung der Maßnahmen. Die SED-Spitze verkündete daraufhin am 9. Juni 1953 einen „Neuen Kurs“, der Zugeständnisse an private Bäuerinnen und Bauern, Handwerker und Unternehmer beinhaltete. Auch die Kollektivierungen auf dem Land sowie die Verfolgung der Kirchen sollten beendet werden. Dass aber die Erhöhung der Arbeitsnormen vorerst bestehen blieb, führte schon kurze Zeit später zu ersten Protesten und Streiks. Als dann am 16. Juni die Normerhöhung doch noch aufgehoben wurde, wirkte das eher wie ein Ausdruck der Schwäche des Regimes. Als Erste traten die Bauarbeiter der Ost-Berliner Stalinallee – heute Karl-Marx-Allee bzw. Frankfurter Allee – in den Ausstand und riefen für den folgenden Tag zum Generalstreik auf. Sie forderten außer der Rücknahme der erhöhten Normen den Rücktritt der Regierung und freie Wahlen.
Der Aufstand vom 17. Juni in Thüringen
Demonstration von Arbeitern des VEB Rheinmetall in Sömmerda
Volksaufstand in Jena
Nachrichten über diese Zuspitzung verbreiteten sich in kürzester Zeit auch in Thüringen. In über 100 Städten kam es am 17. Juni 1953 – zumeist ausgehend von Großbetrieben – zu Streiks und zum Teil gewaltsamen Demonstrationen. Es gab sie aber auch in einigen Dörfern auf dem Land. Nur im Bezirk Suhl blieb es vergleichsweise ruhig.
In Jena zogen die Beschäftigten der Zeiss-Werke, des Glaswerks Schott und des VEB Jenapharm am Morgen in die Innenstadt und bildeten mit bis zu 30.000 Menschen die größte Kundgebung in Thüringen. Am Holzmarkt wurde die SED-Kreisleitung gestürmt, auch die Gebäude der Massenorganisationen wurden besetzt. In der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) verprügelten aufgebrachte Demonstranten einige Mitarbeiter, bei der Erstürmung des Jenaer Gefängnisses kamen 61 Häftlinge frei. Gerüchte ließen hoffen, dass die Staatsmacht nicht nur in der Stadt, sondern auch an der Spitze in Ost-Berlin gestürzt worden sei. Doch schon in den frühen Nachmittagsstunden rückten sowjetische Truppen in Jena ein, verhängten den Ausnahmezustand und beendeten die Unruhen.
Auch in Gera versammelten sich rund 8.000 Menschen im Stadtzentrum, nachdem alle größeren Betriebe in den Streik getreten waren. Allerdings gelang es der Volkspolizei, eine Besetzung der Gebäude von SED und MfS sowie zweier Gefängnisse zu verhindern. Zu dramatischen Szenen kam es, als ein Fahrzeugkonvoi von Kumpeln des Uran-Bergbaus der „Wismut“ eintraf, die unter anderem zwei Lastwagen der Kasernierten Volkspolizei umstürzten und deren Mannschaften entwaffneten. Auch hier stellten am Abend sowjetische Soldaten mit Unterstützung von Panzern die Kontrolle durch die Besatzungsmacht her.
Die Volkserhebung scheiterte. In den thüringischen Bezirken wurden etwa 470 Personen verhaftet, von denen knapp die Hälfte wieder freigelassen wurde, weil nur die Anführer der Unruhen bestraft werden sollten. Doch es starben auch mehrere Aufständische, darunter vier Männer, die von Sowjetsoldaten standrechtlich erschossen oder später nach einem Gerichtsurteil hingerichtet wurden. Insgesamt beteiligten sich in der DDR mehr als eine halbe Million Menschen in über 700 Orten an dem Aufstand. Er forderte über 50 Todesopfer. Davon wurden 34 Personen von Besatzungssoldaten oder Volkspolizisten getötet.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Boeger, Peter/Catrain, Elise: Stasi in Thüringen: Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl, Berlin 2018. (Schriftenreihe BStU)
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Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.