Tourismus
Staatsziel Erholung
Das Recht auf Erholung und bezahlten Urlaub gehörte zu den Bürgerrechten in der Verfassung der DDR. Seit 1968 versprach der betreffende Artikel 34 sogar den „planmäßigen Ausbau des Netzes volkseigener und anderer gesellschaftlicher Erholungs- und Urlaubszentren“. Tatsächlich entstanden im Zuge des von Partei- und Staatschef Erich Honecker auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 verkündeten Programms der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ in den 1970er und 1980er Jahren zahlreiche staatliche Erholungseinrichtungen. Dank starker finanzieller Förderung waren Reisen innerhalb der DDR für viele Menschen erschwinglich, doch die Ferienangebote konnten den Bedarf der Bevölkerung nicht decken. Das galt erst recht für Auslandsreisen, die überhaupt nur in „sozialistische Bruderländer“ möglich waren, während die größte Sehnsucht nach Reisefreiheit in westliche Regionen jenseits der Grenze bis 1989 unerfüllt blieb.
Urlaubsangebote
Einweihung des Ferienheims "Am Rennsteig" in Masserberg
Thüringen war nach der Ostseeküste die zweitbedeutendste Urlaubsregion der DDR. In den Verwaltungen der Bezirke Erfurt, Gera und Suhl existierten daher jeweils eigene Räte für Erholungswesen. Zu einer Koordination der Angebote kam es allerdings erst in den 1980er Jahren mit der Bildung von Bezirksausschüssen für Tourismus. Ungeachtet dessen erfreute sich die Region großer Beliebtheit: Von 1975 bis 1988 stieg die Zahl der Besucherinnen und Besucher von jährlich rund 858.000 auf 1.865.000. Ein besonderer Anziehungspunkt war seit 1961 die Internationale Gartenbauausstellung IGA in Erfurt. Bis 1989 besuchten rund 37 Millionen Gäste, darunter auch viele aus dem Ausland, die verschiedenartigen Ausstellungen.
Die wichtigsten Reiseveranstalter waren der „Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ (FDGB) und die Großbetriebe, die jeweils eigene Urlaubseinrichtungen für ihre Belegschaften unterhielten. Der FDGB bot 1989 in den thüringischen Bezirken 236 Ferienheime mit insgesamt rund 37.000 Betten an. Als größtes galt mit allein 1.500 Betten die 1975 bis 1980 errichtete Anlage auf dem Reinhardsberg bei Friedrichroda, wegen ihrer Lage und Architektur im Volksmund „Maya-Tempel“ genannt. Weitere 39.000 Betten stellten 465 betriebliche Erholungseinrichtungen zur Verfügung. Hinzu kamen 28.000 Übernachtungsmöglichkeiten auf 38 seit den 1970er Jahren entstandenen Campingplätzen und Fremdenzimmer als Privatangebote. Für Schulkinder organisierten die Betriebe Ferienlager in gesonderten Einrichtungen. Die SED veranstaltete für ausgewählte Schülerinnen und Schüler eigene zentrale „Pionierlager“ ihrer Jugendorganisation, von denen sechs in den drei Bezirken auf dem Gebiet Thüringens lagen.
Beispiel Oberhof
Interhotel "Panorama" Oberhof
Eine besondere Förderung erhielt das thüringische Oberhof. Walter Ulbricht, bis 1971 Partei- und Staatschef der DDR, verbrachte hier selbst gerne seinen Urlaub und ließ den Ort zu einem Wintersportzentrum und „Kurort der Werktätigen“ ausbauen. Erstes Aushängeschild war das 1969 eröffnete Interhotel „Panorama“ mit seiner spektakulären, an zwei Sprungschanzen erinnernden Architektur. Wenig später wurden eine Großgaststätte mit acht Einzelrestaurants, eine neue Kaufhalle und eine Umgehungsstraße gebaut. 1973 folgte das 57 Meter hohe FDGB- Erholungsheim „Rennsteig“. Als Vorzeigeobjekte verfügten die beiden Oberhofer Hotels nach Maßstäben der DDR über hochwertige Ausstattungen und Versorgung. Allerdings hatten angesichts der begrenzten Kapazitäten nur vergleichsweise wenige ausgesuchte Gäste die Chance, diesen Luxus zu genießen. Dazu gehörten natürlich hohe Funktionäre der SED und des FDGB.
Kontrolle
Die Nähe der innerdeutschen Grenze rief in den Randgebieten der thüringischen Bezirke auch die Staatssicherheit auf den Plan. In der bis zum Grenzzaun fünf Kilometer breiten, nur mit Passierschein zu betretenden Sperrzone war selbstverständlich kein Tourismus möglich. Aber auch außerhalb davon wurde eine Überwachung der Unterkünfte und Gäste angestrebt. Wanderer im Thüringer Wald wunderten sich zudem oft über die Ungenauigkeit ihrer offiziellen Karten. Die Darstellung war zur Geheimhaltung des genauen Verlaufs der Grenzanlagen vorsätzlich unvollständig und verzerrt.
Purschke, Thomas: Staatsplan Sieg. Die Instrumentalisierung des DDR-Wintersports am Beispiel Oberhof, Zella-Mehlis 2004.
Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Wolter, Heike: Das grüne Herz der DDR. Tourismus im Thüringer Wald 1945-1989 (= Thüringen, Blätter zur Landeskunde, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung), Erfurt 2007.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.