Sport
Auslese
100 Meter-Lauf bei Erfurter Spartakiade
Von Anfang an war es das Ziel des SED-Regimes, der DDR über sportliche Bestleistungen internationales Ansehen zu verschaffen. Sowohl der Breiten- als auch der Leistungssport standen daher unter staatlicher Kontrolle und wurden anstelle traditioneller Vereine zunächst über Betriebssportgemeinschaften und Sportvereinigungen organisiert, die ab 1957 in den „Deutschen Turn- und Sportbund“ (DTSB) übergingen. Für den Spitzensport schufen die 1950 gegründete Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig, spezialisierte Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) sowie übergeordnete Sportclubs die Grundlagen. In den thüringischen Bezirken existierten für Kinder und Jugendliche zuletzt vier derartige Ausbildungsstätten: in Jena mit einer Außenstelle in Gera, in Erfurt, in Zella-Mehlis und in Oberhof. Die Auswahl geeigneter Talente erfolgte einerseits über sogenannte Spartakiaden, bei denen Kinder zu Wettkämpfen auf der Ebene von Schulen, dann auf Bezirks- und schließlich auf Landesebene antraten. Zusätzlich wurde seit den 1970er Jahren an allen Schulen eine systematische Nachwuchssichtung durchgeführt, nach der im Einzelfall über die jeweils geeignete Sportart und die Aufnahme in die lokalen Trainingszentren entschieden wurde. Grundsätzlich konzentrierte sich die Förderung nur auf Disziplinen, die möglichst viele Titel und Medaillen versprachen. Einzelathletinnen und -athleten wurden daher bevorzugt.
Thüringer Erfolge
Sportlerinnen und Sportler der DDR waren bei internationalen Wettkämpfen außerordentlich erfolgreich. Bei den olympischen Winterspielen 1984 in Sarajewo setzte sich die DDR sogar noch vor der Sowjetunion an die Spitze des Medaillenspiegels. Auch aus Thüringen kamen viele Weltmeister und Olympiasieger, so etwa in der Leichtathletik die Sprinterinnen Marlies Göhr und Renate Stecher, die Speerwerferin Petra Felke, der Stabhochspringer Wolfgang Nordwig und die Weitspringerin Heike Drechsler. Legendäre Siege feierten der Radrennfahrer Olaf Ludwig und der Schwimmer Roland Matthes, der allein vier Goldmedaillen errang. Große Erfolge erzielten auch die Wintersportler, darunter die Rodlerin Margit Schumann, die Skispringer Helmut Recknagel und Hans-Georg Aschenbach, der Biathlet Frank Ullrich und die Bobfahrer Meinhard Nehmer und Wolfgang Hoppe.
Förderung und Schattenseiten
VEB Jenapharm
Mit den Skisprungschanzen am Rennsteig und am Inselsberg, der Kunsteisrodelbahn und dem Biathlon-Stadion in Oberhof sowie der seinerzeit international größten und modernsten Schießsportanlage auf dem Friedberg bei Suhl lagen in den thüringischen Bezirken wichtige sportliche Trainings- und Wettkampfstätten. Ein besonderes Zentrum war Oberhof mit dem vom Verteidigungsministerium der DDR getragenen Armeesportklub (ASK) „Vorwärts“. Der ASK Oberhof war seit seiner Gründung 1956 bis 1990 einer der erfolgreichsten Wintersportvereine der Welt und errang 16 olympische Goldmedaillen für die DDR. Er war jedoch auch ein Schwerpunkt der Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit zahlreichen Hauptamtlichen und Inoffiziellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Darüber hinaus verdankte er seine Erfolge nicht zuletzt dem staatlichen Dopingsystem. Wie viele Athletinnen und Athleten in der DDR erhielten Sportlerinnen und Sportler der Disziplinen Langlauf, Nordische Kombination, Skisprung und Biathlon zur Leistungssteigerung routinemäßig verbotene Muskelaufbau- und Hormonpräparate. Für die Ausdauersportarten wurde auch Blutdoping eingesetzt, das die Sauerstoff-Transportfähigkeit erhöht. Die gesundheitsschädigenden Substanzen, die mitunter auch ohne Wissen der Betroffenen verabreicht wurden, kamen ebenfalls aus Thüringen. Sie wurden vom VEB Jenapharm hergestellt.
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Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.