Kulturförderung
Politik der SED
Die „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands“ (SED) verstand sich als Hüterin einer deutschen Nationalkultur, deren Tradition in der DDR gepflegt und fortgeführt werden sollte. Als selbst ernannte „Vorhut der Arbeiterklasse“, die zur Bildung und Erholung der Werktätigen ein breites kulturelles Angebot zu gewährleisten hatte, beanspruchte sie das Recht festzulegen, welche Kultur- und Kunstformen zu diesem Erbe passten. Sie berief sich dazu auf die Ideologie des Marxismus-Leninismus, auf das Vorbild der sowjetischen Kultur und auf den von ihr selbst definierten Antifaschismus als Konsequenz aus der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945. Ihre Steuerungshebel bestanden einerseits in der Belobigung und Förderung erwünschter Kulturbeiträge und andererseits im nachdrücklichen Ausschluss von Unerwünschtem. Dazu dienten verweigerte Genehmigungen, abgelehnte Finanzierung, verhinderte Öffentlichkeit durch Zensur, aber auch geheime Überwachungs- und Disziplinarmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). So verbreitete sich weithin ein Klima vorbeugender Selbstzensur durch die sogenannte „Schere im Kopf“.
Thüringer Highlights
Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek (ehem. Zentralbibliothek) Weimar
In Thüringen erhielten großzügige Förderung seit 1953 die Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen Literatur Weimar mit dem Goethe-Schiller-Archiv und dem Goethe-Nationalmuseum, denen sich 1969 die Zentralbibliothek der deutschen Klassik – heute Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek – und das 1988 um einen Museumsneubau ergänzte Wohnhaus Friedrich Schillers einfügten. Auf dem nahegelegenen Ettersberg ließ die SED die weitläufige Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald auf dem Gelände des nationalsozialistischen Konzentrationslagers errichten. Sie erinnerte vor allem an die dort ermordeten Kommunisten – besonders an den früheren KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann – und stützte den Gründungsmythos der DDR als Erfüllung des antifaschistischen Schwures der Überlebenden. Auf die Gestaltung der zentralen Bronzeplastik nahmen die Parteifunktionäre mehrfach direkten Einfluss, bis sie ihren propagandistischen Absichten entsprach. Die nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal viele Todesopfer fordernde Nachnutzung des Lagers durch die sowjetische Besatzungsmacht wurde dagegen verschwiegen.
Mit großem Aufwand unterstützten die Machthaber besonders die sogenannte Hochkultur. In den für Thüringen typischen ehemaligen Residenzstädten pflegte man Schloss- und Gartenanlagen, Theater und Museen. In den Südbezirken wurden in Eisenach, Eisleben, Erfurt, Gera, Meinigen, Nordhausen, Rudolstadt und Weimar voll ausgebildete Schauspielhäuser finanziert. Hinzu kamen bis zu zwölf staatliche Orchester. Darüber hinaus errichtete die SED, wie überall im Land, auch in den drei thüringischen Bezirken zahlreiche Kultur- und Klubhäuser für kulturelle Veranstaltungen. Die aufwendigsten Bauten entstanden in den Bezirksstädten Gera und Suhl, die damit ihre überregionale Bedeutung unter Beweis stellen sollten.
Zur Stärkung eines nationalen Eigenständigkeitsgefühls in der DDR erweiterte die SED in den 1980er Jahren den Rahmen des erwünschten kulturellen Erbes. Der Reformator Martin Luther, König Friedrich II. von Preußen und sogar der Reichsgründer Otto von Bismarck wurden jetzt gewürdigt. In Thüringen profitierte davon insbesondere die Wartburg bei Eisenach, die für das Luther-Jahr 1983 umfangreich renoviert wurde.
Volkstümlichkeit und Subkultur
Proberaum der Punkband Schleimkeim in Stotternheim bei Erfurt
Auch ausgewählte massentaugliche Kulturformen galten als förderungswürdig. Dazu gehörte etwa die volkstümliche Musik des Thüringers Herbert Roth, der unter anderem mit seinem legendären Rennsteig-Lied auch regelmäßig in der Unterhaltungssendung „Oberhofer Bauernmarkt“ des DDR-Fernsehens auftrat. Großen Zuspruchs erfreuten sich ebenso Stadtfeste und überregional attraktive Veranstaltungen der Traditionspflege wie das Tanzfest der DDR in Rudolstadt, der Zwiebelmarkt in Weimar oder der Wasunger Karneval. Allerdings zogen sie in den 1980er Jahren zunehmend auch ein jugendliches Publikum an, das seinen unangepassten Lebenswandel offen durch provozierende Andersartigkeit bei äußerem Auftreten und Musikgeschmack demonstrierte. Vergeblich hatten die Machthaber früh versucht, lange Haare, westliche Jeanskleidung und Rockmusik zu verdammen. Seit den 1970er Jahren entwickelten sich auch in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl vielerorts beargwöhnte Subkulturen sowie unabhängige Musik-, Kunst- und Literaturkreise. Ausgerechnet in der Klassik-Stadt Weimar entstand sogar ein Zentrum der Punk-Szene in der DDR. SED und Staatssicherheit scheuten keinen Aufwand, um jegliche als „staatsfeindlich“ eingestufte kulturelle Aktivitäten zu verfolgen, doch gelang es nie, sie ganz zu unterdrücken.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Boeger, Peter/Catrain, Elise: Stasi in Thüringen: Die DDR-Geheimpolizei in den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl, Berlin 2018. (Schriftenreihe BStU)
Gärtner, Marcus (Hg.): Kultur in Thüringen 1949-1989 (= Quellen zur Geschichte Thüringens), Erfurt 2000.
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Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945, Bonn 2021.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.