Bildung
Schulen und Ziele
polytechnische Oberschule in Erfurt
Anfang der 1950er Jahre herrschten in den ländlichen Gebieten Thüringens noch Volksschulen vor, die alle Altersgruppen in einer Klasse zusammenfassten. 1959 wurde in der DDR die zehnklassige allgemeinbildende Polytechnische Oberschule (POS) als Pflichtschule festgelegt und in den 1960er Jahren flächendeckend eingeführt. Sie setzte die schon in Kinderkrippen und Kindergärten beginnende Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“ fort, indem sie Bildung ausdrücklich auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus vermittelte. Dazu gehörten außer dem fachlichen Lehrstoff eine Orientierung auf das Kollektiv und auf die Gesellschaft, aber auch auf die Arbeitswelt in den Betrieben. Neben dem Fach Staatsbürgerkunde sah daher der Lehrplan einen wöchentlichen „Unterrichtstag in der Produktion“ ab der 7. Klasse vor. In der 9. und 10. Klasse kam seit 1978 auch noch eine vormilitärische Ausbildung im Wehrunterricht hinzu.
Regulierung und Disziplinierung
Nach der POS wechselte die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in die Berufsausbildung, aus der später noch ein zweiter Bildungsweg zum Hochschulzugang führen konnte. Die übrigen, in den 1980er Jahren rund 11 bis 13 Prozent eines Jahrgangs, hatten die Möglichkeit, über die Erweiterte Oberschule (EOS) das Abitur zu erwerben und danach ein Studium aufzunehmen. Sowohl die Schullaufbahn als auch ein Studium waren allerdings nicht allein von den vorausgesetzten Leistungen abhängig, sondern auch von der sozialen Herkunft, gesellschaftlichem Wohlverhalten im Sinne der ideologischen Vorgaben und dem Bedarf der Wirtschaft. Für viele junge Männer hingen der Schulabschluss oder die Wahl des Studienfaches auch noch von der Verpflichtung zu einem verlängerten Dienst in der Nationalen Volksarmee (NVA) ab.
Jugendliche, die diesen Anforderungen auf Kosten ihrer individuellen Neigungen nicht entsprechen konnten oder wollten, gerieten schnell in Konflikt mit Eltern, Lehrern oder Repräsentanten von Partei und Staat. Im schlimmsten Fall wurden sie in sogenannte Jugendwerkhöfe eingewiesen, die der Resozialisierung dienen sollten, aber mit ihren haftähnlichen Lebensbedingungen oft zu schweren Traumatisierungen führten. Im Gebiet Thüringens existierten sieben solcher Einrichtungen in Friedrichswerth, Hummelshain, Höngeda, Wolfersdorf, Gebesee, Bad Köstritz und Chretzschwitz.
Hochschulen
TH Ilmenau, Festansprache
Doch auch, wer die von der SED bestimmten leistungsbezogenen und gesellschaftlichen Erwartungen erfüllte, durfte nicht automatisch mit einer Zulassung zu Abitur und Studium rechnen. Feststehende Quoten begrenzten die Bildungschancen und zwangen oft zu Umwegen und Anpassungen. Waren alle Hürden genommen, konnte die Ausbildung an einer der vorgesehenen Hochschulen fortgesetzt werden, von denen es auch in den thüringischen Bezirken viele Standorte gab. Am bedeutendsten war zweifellos die Friedrich-Schiller-Universität Jena, eine der sechs regulären Universitäten der DDR. Hohes Ansehen genossen auch die Hochschulen für Musik und für Architektur und Bauwesen in Weimar sowie in Erfurt die Medizinische Akademie, die Ingenieurschule für Gartenbau und – für die Lehrerausbildung – die Pädagogische Hochschule. Weitere wichtige Studienorte hatten technische Schwerpunkte, so etwa die Technische Hochschule Ilmenau, die Ingenieurschulen für Maschinenbau in Schmalkalden, für Landtechnik in Nordhausen, für Transportbetriebstechnik in Gotha und die Agraringenieurschule in Weimar. Einen Sonderfall stellte die Offiziershochschule der Grenztruppen in Suhl dar.
Benecke, Jacob (Hg.): Erziehungs- und Bildungsverhältnisse in der DDR, Bad Heilbrunn 2022.
Best, Heinrich/Mestrup, Heinz: Die Die Ersten und Zweiten Sekretäre der SED. Machtstrukturen und Herrschaftspraxis in den thüringischen Bezirken der DDR, Weimar 2003.
Gärtner, Marcus (Hg.): Kultur in Thüringen 1949-1989 (= Quellen zur Geschichte Thüringens), Erfurt 2000.
Geißler, Gert/Wiegmann, Ulrich: Schule und Erziehung in der DDR. Studien und Dokumente, Neuwied/Kriftel/Berlin 1995.
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Schroeder, Klaus: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949-1990. Dritte Auflage, Göttingen 2013.
Steiner, André: Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, München 2004.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.): Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945, Bonn 2021.
Dr. Daniel Kosthorst ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Er war Leiter bzw. Mitwirkender zahlreicher Ausstellungsprojekte, darunter der Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Diktatur und Demokratie nach 1945“.