Das Land Thüringen wurde mit der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 aus den Bezirken Erfurt, Gera und Suhl sowie den Kreisen Artern (zuvor Bezirk Halle), Altenburg und Schmölln (zuvor Bezirk Leipzig) (wieder-)gegründet. Anfang 1991 entschied der Landtag über die künftige Landeshauptstadt: Erfurt setzte sich gegen Gera, Jena und Weimar durch. Seit der Verabschiedung seiner Verfassung am 25. Oktober 1993 führt das Bundesland (wie Sachsen und Bayern) den Zusatz „Freistaat“ im Namen.
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Wahlkampf im Oktober 1990
Das Jahr 1990 war auch in Thüringen ein „Superwahljahr“, das den Weg zu einem neuen politischen Alltag ebnete. Der Deutschen Einheit waren die erste freie Volkskammerwahl am 18. März 1990 und Kommunalwahlen am 6. Mai 1990 vorausgegangen. Am 14. Oktober 1990 folgten Landtagswahlen und schließlich, am 2. Dezember 1990, die Bundestagswahlen.
Neben der Auflösung der Bezirke, der Schaffung des Freistaats Thüringen und freien Wahlen umfasste die politische Transformation die Etablierung von demokratischen Strukturen, die Übernahme des bundesdeutschen Rechtssystems, den Aufbau einer neuen Landesverwaltung, der Justiz und eines öffentlichen Dienstes nach westdeutschem Vorbild.
Neben diesen politisch-administrativen Veränderungen brachte die Wiedervereinigung insbesondere Transformationsprozesse, also tiefgreifenden Wandel, im Bereich der Wirtschaft mit sich. Die Treuhandanstalt, kurz „Treuhand“, wurde 1990 ins Leben gerufen und sollte die etwa 8.500 Volkseigenen Betriebe der DDR mit einer Vielzahl von Betriebsstätten und über vier Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in das System der Marktwirtschaft überführen. In Thüringen betraf dies knapp 2.500 Betriebe. Neben erfolgreichen Privatisierungen, etwa im Fall von „Jenoptik“ in Jena, kam es auch in Thüringen zu zahlreichen Schließungen und einer bis dahin ungekannten Massenarbeitslosigkeit. So rollt in Eisenach im April 1991 der letzte Wartburg vom Band. Hunderttausende demonstrieren, u. a. in Erfurt für den Erhalt von Arbeitsplätzen.
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Sondershausen, Protest gegen Grubenschließung
Im Sommer 1993 protestierten die Bergarbeiter in Bischofferode im Norden Thüringens mit einem Hungerstreik gegen die Schließung des Kalibergwerks mit knapp 700 Beschäftigten. Der Protest blieb – trotz internationaler medialer Resonanz – erfolglos. Zum 31. Dezember 1993 endete die Produktion im Kalibergwerk „Thomas Müntzer“. Ihren Höhepunkt sollte die Arbeitslosigkeit in Thüringen im Jahr 1997 erreichen. Mit rund 218.000 Personen und einer Arbeitslosenquote von 17,8 Prozent lag der Freistaat einerseits deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 11,4 Prozent und andererseits im Durchschnitt der ostdeutschen Länder (17,7 Prozent). Auf dem gesamten Gebiet der vormaligen DDR verloren in der Industrie über zwei Drittel der Angestellten ihre Arbeit. Vierzig Prozent aller Berufstätigen erlebten bis Mitte der 1990er Jahre mindestens einmal Arbeitslosigkeit. Berufswechsel, Umschulungen oder Frühverrentung waren für drei Viertel der erwerbstätigen Bevölkerung in Ostdeutschland Nachwenderealität.
Die steigende Arbeitslosigkeit führte zu einer langfristigen Abwanderungswelle in Richtung Westdeutschland. Thüringen verzeichnete zwischen 1990 und 2024 einen Bevölkerungsrückgang um 20 Prozent. Während in den frühen 1990er Jahren die Abwanderung rasant stieg, ist seit den 2010er Jahren eine Umkehr zu beobachten: Es ziehen mehr Menschen nach Thüringen als wegziehen. Ein Zuwachs, der insbesondere den Städten zugutekommt, während – wie vielfach in der Bundesrepublik – ländliche Räume einen Rückgang der Einwohnerinnen und Einwohner verzeichnen. Insgesamt schrumpft der Freistaat und Prognosen besagen, dass die Zahl der Bevölkerung langfristig um bis zu einem Drittel zurückgehen wird.
Marcus Böick, Jammertal statt Wirtschaftswunder? Der ostdeutsche Wirtschaftsumbau und seine Folgen in sieben Schlaglichtern, in: Michael Hofmann (Hg.), Umbruchserfahrungen. Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020, Münster 2020, S. 120-136.
Valerie Schönian, Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet, München 2020.
Dr. Uta Bretschneider ist Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation und war zuvor Direktorin des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören DDR-Alltagskultur, Transformationszeit und Geschichte ländlicher Räume.