Kamen die Nationalsozialisten in Thüringen gleichsam aus dem Nichts?
Thüringen gehörte nicht zu den Hochburgen der geistigen Vorläufer der NSDAP. Doch bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hatten radikal rechte Kandidaten in einzelnen thüringischen Fürstentümern bei den Wahlen zum Deutschen Reichstag gut abgeschnitten. 1907 konnten sie die Mandate der Wahlkreise Weimar und Eisenach erringen. Rechtsradikal-völkische Überzeugungen und Antisemitismus waren damit noch kein Gedankengut einer Mehrheit, aber präsent. Repräsentativ dafür war etwa der 1910 in Weimar gegründete Deutschvölkische Schriftstellerverband. Der Schriftsteller Artur Dinter, ein zeitweilig einflussreicher Gedankengeber für die rassenideologischen Überzeugungen der Nationalsozialisten, ließ sich 1919 in der Ilmstadt nieder.
Die ersten Ortsgruppen der NSDAP entstanden in Thüringen ab Anfang 1922, zunächst in Pößneck und Weida, gefolgt von Ilmenau, Gotha, Erfurt und weiteren Ortschaften. Sie waren zu diesem Zeitpunkt freilich lediglich kleine Splittergruppen unter einer ganzen Anzahl antisemitischer und antidemokratischer Organisationen. Die NSDAP wurde wie viele andere rechtsradikale Organisationen im Sommer 1922 im Land Thüringen (bald darauf auch in den preußischen Gebieten Thüringens) als Reaktion auf den Mord an Reichsaußenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922 verboten. Ihre Mitglieder bildeten Tarnorganisationen oder tauchten bei anderen rechtsgerichteten Gruppen unter.
Spielte Thüringen eine wichtige Rolle für den Aufstieg der Nationalsozialisten?
Da die rechtsbürgerliche „Ordnungsbund“-Regierung des Jahres 1924 auf Tolerierung durch die völkischen Rechtsradikalen im thüringischen Landtag angewiesen war, war sie bereit, bestehende Verbote gegen deren Parteien und Organisationen aufzuheben. Nach der Neugründung der NSDAP in München am 27. Februar 1925 wurde Thüringen zu einem wichtigen Schauplatz der Rivalität zwischen der Partei und anderen völkisch rechtsradikalen Gruppen, bei denen sich die Partei schrittweise durchsetzen und die Mehrheit der Anhänger ihrer Konkurrenten gleichsam „übernehmen“ konnte. Mit Gründung des „Gau Thüringen“ im Frühjahr 1925 wurde Weimar zu einem Organisationszentrum der NSDAP. Großveranstaltungen und öffentliche Auftritte Adolf Hitlers waren in anderen Ländern der Weimarer Republik vielfach noch verboten. So bot Thüringen in diesen Jahren die Möglichkeit, öffentlichkeitswirksam aufzutreten, Schlagzeilen und Fotos zu generieren und Publikum aus Nachbarregionen anzuziehen. Nicht umsonst fand der erste Reichsparteitag seit der Wiedergründung der NSDAP am 3./4. Juli 1926 in Weimar statt. Die Stadt bot sich ferner an, um das Erbe eines geschichtlich und kulturell bedeutsamen, deutschlandweit bekannten Ortes für sich in Anspruch zu nehmen. Thüringen war damit ein wichtiger Bestandteil der Bemühungen, die Partei wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Mit 720 Mitgliedern Ende 1926 im „Gau Thüringen“ – ein Jahr später waren es gut doppelt so viele – blieb die Hitler-Partei freilich zunächst eine überschaubare politische Bewegung. Die Verunsicherung in Folge der Weltwirtschaftskrise ab Ende 1929 wie auch der Glaube, die traditionellen Parteien wären gewissermaßen durch Misserfolge „verbraucht“ und müssten zur Lösung der Probleme der Zeit durch etwas radikal Neues ersetzt werden, brachte der Partei neue Wähler und Mitglieder. 1930 zählten die NSDAP in Thüringen bereits 5.500 Mitglieder.
Waren die Regierungsbeteiligung 1930/31 und die Regierungsführung 1932/33 in Thüringen Testläufe für die Machtübernahme in ganz Deutschland?
Der erste Eintritt der NSDAP in eine Länderregierung im Januar 1930 war geeignet, den Erfolg des vermeintlich gesetzeskonformen Vorgehens der Partei zu demonstrieren. Nachdem bürgerliche Parteien sich das erste Mal zu einer förmlichen Koalition bereitgefunden hatten, war die Hemmschwelle gesunken, dies auch in anderen Ländern zu versuchen. Die Maßnahmen der NSDAP in der Regierungsbeteiligung ließen ihre Absichten für den Fall einer Regierungsübernahme in Berlin klar erkennen. Indes war für das spätere Vorgehen kein „Testlauf“ vonnöten – das Agieren in Thüringen hätte freilich als warnendes Beispiel für die bürgerlichen Parteien fungieren können. Dies wurde jedoch von den potentiellen Bündnispartnern der Nationalsozialisten ignoriert. Teils, weil ihnen die Republik und ihre Vertreter nicht viel bedeuteten, teils, weil sie mehr Gemeinsamkeiten mit der NSDAP sahen, als etwa mit der zwar marxistischen, aber fest auf dem Boden der Verfassung stehenden SPD. Wie die NSDAP-geführte Regierung in Thüringen ab Sommer 1932 handelte es sich bei der Regierungsbeteiligung zwei Jahre zuvor nicht um einen zentralen Schritt der NSDAP auf dem Weg zu Macht in ganz Deutschland – beide erleichterten aber die Machtsicherung im Land ab 1933 erheblich und dienten dazu, die Nationalsozialisten als aufsteigende, gar unaufhaltsame politische Macht in der Wahrnehmung von Anhängern und Schwankenden zu präsentieren.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Günther Neliba: Wilhelm Frick und Thüringen als Experimentierfeld für die nationalsozialistische Machtergreifung, in: Detlev Heiden/Gunter Mai (Hrsg.): Thüringen auf dem Weg ins "Dritte Reich", Erfurt 1996, 75-96.
weiterführende Literatur:
Willy Schilling: Hitlers Trutzgau. Thüringen im Dritten Reich, Band I, Jena/Quedlinburg 2005, 16-28 & 79-81.
Donald R. Tracey: Der Aufstieg der NSDAP bis 1930, in: Detlev Heiden/Gunther Mai (Hrsg.): Nationalsozialismus in Thüringen, Weimar u. a. 1995, 49-74.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.