Thüringen rückt nach rechts, 1924-1933
Der „Thüringer Ordnungsbund“ 1924 leitete den Rechtsruck ein. Mit der Unterstützung von Völkischen und Nationalsozialisten wurde die Linke zurückgedrängt. Der Einfluss der NSDAP wuchs, bis sie 1933 durch die „Gleichschaltung“ die Macht in Thüringen übernahm.
„Thüringer Ordnungsbund“: Das Pendel schwenkt nach rechts
Die Auseinandersetzungen zwischen dem linken und dem rechten Lager hatten bis zur Wahl des III. Thüringer Landtages Formen eines Kulturkampfes um die Republik angenommen. Gegenstand waren etwa die Schulreformen in Richtung Einheitsschule oder die Abschaffung christlicher Feiertage zugunsten des 9. November und 1. Mai durch die ‚rote‘ Regierung Frölich. Besonders schwer wog für die konservative Opposition jedoch die Aufnahme der KPD in die Regierung 1923, die nur durch Eingriff von außen rückgängig gemacht werden konnte. Die Linke nahm diese Vorgänge hingegen als gewaltsame Entfernung ihrer demokratisch legitimierten Regierung aus dem Amt wahr.
Die nicht-sozialistischen Parteien stellten den Wahlkampf im Winter 1924 bewusst unter das Motto: „Nie wieder ein rotes Thüringen“ und schlossen sich dafür zu einem Wahlbündnis unter dem Namen „Thüringer Ordnungsbund“ zusammen. Bei einer Rekord-Wahlbeteiligung von 89 % verfehlte das Bündnis aus Thüringer Landbund, DDP, DVP und DNVP die absolute Mehrheit mit 48 % der Stimmen nur knapp. Der DVP-Politiker Richard Leutheußer wurde leitender Staatsminister einer Minderheitsregierung (ohne Beteiligung der DDP), die sich von Abgeordneten der „Vereinigten Völkischen Liste“ tolerieren ließ. Dort hatten auch Mitglieder der NSDAP nach ihrem Verbot Unterschlupf gefunden. Ihr Fraktionsführer, der antisemitische Schriftsteller Artur Dinter, trat nach der Aufhebung des Verbots 1925 der NSDAP bei und wurde Gauleiter von Thüringen.
Die Ordnungsbund-Regierung nahm sofort zahlreiche Entscheidungen der Regierung Frölich zurück, besonders in den symbolisch aufgeladenen Politikfeldern Bildung und Kultur. Symptomatisch steht dafür bis heute die Vertreibung des Bauhauses aus Weimar im Jahr 1925 in die SPD-regierte Junkers-Stadt Dessau, nachdem die Landesregierung die staatliche Förderung um 50 % gekürzt hatte. An wichtigen Entscheidungen zum Aufbau der Landesverwaltung, insbesondere an der 1922 eingeführten Kreisstruktur, hielt die Regierung Leutheußer jedoch fest.
Mit der Tolerierung durch die Völkischen war die Marschroute nach rechts vorgegeben, und an diesen Konstellationen sollte sich bis zur Zerstörung der Demokratie 1933 in Deutschland und Thüringen nichts Grundlegendes mehr ändern. Auch die folgenden Landtagswahlen 1927 und 1929 brachten ähnliche Patt-Situationen hervor, in denen das rechte Lager aus Landbund, bürgerlichen Parteien und Rechtsextremen eine leichte Mehrheit gegenüber dem sozialistischen Lager errang und es von der Macht fernhielt. Zwar versuchte die DDP noch, zwischen den Lagern zu vermitteln, doch gelang ihr dies aufgrund ihres rasanten Bedeutungsverlustes letztlich nicht: es blieb bis zuletzt bei rechts-bürgerlichen Regierungen, oft unter Mithilfe von Völkischen und Rechtsextremen.
NS-Machtergreifung mit Makeln
Der nächste Dammbruch erfolgte nach der Landtagswahl im Dezember 1929, als im Januar 1930 erstmals im Reich die NSDAP in eine Landesregierung eintrat. Unter dem leitenden Staatsminister Erwin Baum (Thüringer Landbund) übernahmen die Nationalsozialisten Wilhelm Frick (Inneres und Volksbildung) und Willy Marschler (ohne Geschäftsbereich) erstmals Ministerämter. Vor allem in Bildung und Wissenschaft forcierte die NSDAP nun den Kulturkampf von rechts, etwa durch die Berufung des „Rasse“-Forschers Hans F. K. Günther an die Universität Jena. Die Regierung Baum-Frick war zugleich die erste Koalition seit der „Arbeiterregierung“ 1923, die mit parlamentarischer Mehrheit regierte. Dies währte jedoch nur etwas mehr als ein Jahr: Nach einem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen die NS-Minister, das die DVP eingeleitet hatte, traten diese im April 1931 aus der Regierung aus.
In dieser hitzigen Phase, die auch im Reich von den „Präsidialkabinetten“ und eskalierender politischer Gewalt gekennzeichnet war, gelang für Thüringer Verhältnisse Erstaunliches: Die SPD tolerierte die Rumpfregierung Baum und verabschiedete mit ihr zwei Landeshaushalte. Grundlage für diese Zusammenarbeit waren gewachsene Vertrauensverhältnisse auch über Lagergrenzen hinweg, die sich in über zehn Jahren parlamentarischer Arbeit im Thüringer Landtag gebildet hatten.
Dennoch folgte 1932 der nächste Schritt in der Aufstiegsgeschichte der NDSAP: Bei der Landtagswahl im Juli, die zeitgleich mit der Reichstagswahl stattfand, errang die Hitler-Partei 42,5% der Stimmen bzw. 26 der 61 Landtagsmandate. Der Thüringer Landbund verhalf der NSDAP zur parlamentarischen Mehrheit, so dass Fritz Sauckel der dritte nationalsozialistische Regierungschef in einem Land der Weimarer Republik werden konnte (nach Anhalt und Mecklenburg-Schwerin).
Hitler und die NSDAP haben die Entwicklungen in Thüringen immer als erfolgreichen Probelauf für die Machtergreifung im Reich inszeniert. Dabei bleibt außen vor, dass die Regierung Sauckel erstaunlich erfolglos war, der Landbund wiederholt mit dem Bruch der Koalition und Neuwahlen gedroht hatte, und erst die „Gleichschaltung“ der Landesparlamente nach der unfreien Reichstagswahl im März 1933 die Macht der NSDAP auch in Thüringen sicherte. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 und der Kommunalwahl im Dezember hatte die NSDAP in Thüringen jedenfalls überdurchschnittliche Verluste hinnehmen müssen, so dass sie vorgezogene und freie Landtagswahlen durchaus zu fürchten hatte. Erst der 30. Januar 1933 in Berlin sicherte ihr auch in Thüringen die Macht.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Steffen Raßloff: Der Freistaat Thüringen 1920–2020. Erfurt 2020.
Christian Faludi/Manuel Schwarz: Umbruch 1919. Thüringen zwischen Revolution und Landesgründung, Erfurt 2019.
weiterführende Literatur:
Christian Faludi: Die Gründung des Landes Thüringen 1918 bis 1920, in: Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Michael Grisko (Hrsg.): Moderne und Provinz. Weimarer Republik in Thüringen 1918-1933. Halle (Saale) 2022.
Timo Leimbach: Krisenland Thüringen? – Erfolgsgeschichte Thüringen! Zwei Lesarten 1920–1933, in: Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Dr. Andreas Braune ist Politikwissenschaftler, Historiker und politischer Bildner. Er war Co-Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik sowie wissenschaftlicher Berater und Co-Kurator im Haus der Weimarer Republik: Forum für Demokratie.
Kontakt
Telefonnummer: 0361 / 57 32 12 701
E-Mail Adresse:
info@lzt.thueringen.de