Wie wirkte sich der Beginn des Krieges in Thüringen aus?
Der Kriegsbeginn kündigte sich bereits vor dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 an. Die Mobilmachung im August 1939 bedeutete die Einberufung einer großen Zahl deutscher Männer zum Militär, was für deren Familien einen tiefen Einschnitt darstellte. Die Bevölkerung reagiert eher mit Ernst und Befürchtungen auf den Kriegsbeginn, Erbe der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs. Die thüringische Bevölkerung wuchs, da aus den westlichen Teilen des Reiches Menschen nach Mitteldeutschland evakuiert wurden. Als Erste trafen rund 140.000 Saarländer ein, evakuiert wegen der Nähe zur französischen Grenze, die über ein Jahr im Land blieben. Die Stilllegung nicht kriegswichtiger Betriebe, etwa in der Textilwirtschaft, Handwerk und Konsumgüterindustrie, sollte Arbeitskräfte für die Rüstung freimachen. Viele Betriebe produzieren zunehmend, am Ende nahezu ausschließlich für die Kriegswirtschaft. Bereits frühzeitig wurde die Menge von Alltagsgütern wie Brot und Fleisch, bald aber auch Kleidung reglementiert, die pro Person erworben werden durften. Allerdings blieb die Versorgung vergleichsweise gut, da das Deutsche Reich die von der Wehrmacht besetzten Gebiete systematisch ausplünderte, was in den ausgeraubten Gebieten zu Hungersnöten führte. Freizeitangebote wie Sportveranstaltungen, Theater- und Kinobesuche standen der deutschen Bevölkerung bis nahezu Kriegsende weiterhin zur Verfügung. Dabei setzte die offizielle Medienpolitik auf vergleichsweise unpolitische Zerstreuung, die immer wieder durch Kriegspropaganda begleitet und unterbrochen wurde, welche die deutschen Erfolge übertrieb und die Kriegsgegner dämonisierte. Zugleich blieb der Krieg auf ganz individueller Ebene präsent: In den Zeitungen erschienen bereits im September 1939 erste Anzeigen von den Hinterbliebenen gefallener Soldaten. Waren 1939/40 relativ wenige Kriegstote zu verzeichnen, stieg ihre Zahl nach dem Überfall auf die UdSSR 1941 dramatisch.
Wie stark war Thüringen von alliierten Luftangriffen betroffen?
Die ersten Bomben auf thüringischen Boden wurden im Sommer 1940 von englischen Flugzeugen abgeworfen. Bis Ende 1942 blieb es jedoch bei vereinzelten Zwischenfällen, die kaum Schäden oder Verluste verursachten. Thüringen lag weit von den alliierten Flugplätzen entfernt, und jeder Bomber musste hunderte Kilometer über feindliches oder besetztes Gebiet fliegen, um das Land zu erreichen. Erst mit dem verstärkten Eingreifen der Luftwaffe der US-Armee im Laufe des Jahres 1943 steigerte sich die Zahl der Einflüge, da nun immer mehr Flugzeuge mit großer Reichweite zur Verfügung standen. Das Mitteldeutsche Braunkohlegebiet in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Nordthüringen avancierte zunehmend zum Ziel der Bomber. Schwere Angriffe auf thüringische Städte setzten Anfang 1944 mit einem Angriff auf Gotha am 24. Februar ein, bald darauf traf es Gera. Die wachsende Zahl von Luftalarmen – nicht nur bei direkten Angriffen, sondern auch wenn sich Flugzeuge in Richtung der entsprechenden Städte bewegten bzw. diese auf dem Weg zu oder von ihren eigentlichen Zielen überflogen – wurde zur psychischen und physischen Dauerbelastung, da die Menschen Schutz in den Luftschutzkellern suchen mussten, oft auch nachts. Die schwersten Angriffe erlebte Thüringen in den letzten neun Kriegsmonaten zwischen Mitte 1944 und April 1945. Die Angriffe galten der allgegenwärtigen Rüstungsproduktion, sollten aber zugleich den Widerstandswillen der Bevölkerung brechen und ihre Unterstützung für das NS-Regime und den Krieg schwächen. Besonders schwer traf es die Stadt Nordhausen, wo ca. 10.000 Tote zu verzeichnen waren, darunter viele Häftlinge des benachbarten KZ Mittelbau-Dora, aber auch zivile Zwangsarbeiter. Erfurt und Weimar hatten jeweils etwa 1.500 Tote zu beklagen. Auch hier waren viele Ausländer unter den Opfern. In Städten wie Jena, Gera, Eisenach und Meiningen starben jeweils mehrere hundert Menschen, zahlreiche kleinere Städte meldeten einige Dutzend Opfer. Die Gesamtzahl der Luftkriegstoten in Thüringen lässt sich nur schätzen, lag aber deutlich über 15.000 Männern, Frauen und Kindern.
Wie endete der Zweite Weltkrieg in Thüringen?
Den „Anfang vom Ende“ markierte das Überschreiten der Landesgrenze durch alliierte Truppen am 1. April 1945, als erste amerikanische Verbände von Hessen aus nach Thüringen vorstießen. Ihnen stand eine bunte Mischung aus abgekämpften Einheiten der Wehrmacht und Waffen-SS gegenüber, verstärkt durch die zumeist nur dürftig ausgebildeten und bewaffneten Milizen des Volkssturms. Die deutsche Luftwaffe griff nur noch vereinzelt in die Kämpfe ein, während alliierte Kampfflugzeuge den Vormarsch ihrer Bodentruppen durch zahlreiche Angriffe unterstützten. Angesichts der amerikanischen Überlegenheit machte die Besetzung Thüringens rasche Fortaschritte. Mühlhausen und Suhl wurden am 5. April befreit, Eisenach folgte am Tag darauf. Vereinzelt kam es noch zu harten Kämpfen, etwa am 7. April bei Struth, wo ca. 250 deutsche und 50 amerikanische Soldaten ums Leben kamen. Zudem starben zahlreiche Zivilisten, die bei den Gefechten ins Kreuzfeuer gerieten. Mehr als 600 deutsche Soldaten kapitulierten. Nachdem der Frontverlauf sich einige Tage wenig verändert hatte, nahm der amerikanische Vormarsch ab dem 10./11. April erneut Tempo auf. Am 12. April wurden Erfurt und Weimar befreit, zwei Tage darauf Zeitz. Am 16. April endeten die Kämpfe auf thüringischem Boden, abgesehen von einzelnen Zusammenstößen mit versprengten deutschen Truppen. Drei Wochen darauf beendete die Kapitulation des Deutschen Reiches den Zweiten Weltkrieg in Europa. Die amerikanische Präsenz in Thüringen währte bis Anfang Juli, als die Rote Armee gemäß den vereinbarten Besatzungszonengrenzen die Kontrolle über das Gebiet übernahm.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Jens Schley (Hrsg.): Thüringen 1945. Januar bis Juni. Kriegsende und amerikanische Besatzung, Erfurt 2016.
weiterführende Literatur:
Willy Schilling: Hitlers Trutzgau. Thüringen im Dritten Reich, Band II, Jena/Quedlinburg 2008, 128-160.
Markus Strehle: Die Kriegsausrichtung des NS-Gaues Thüringen, in Oliver Werner (Hrsg.): Mobilisierung im Nationalsozialismus, Institutionen und Regionen in der Kriegswirtschaft und der Verwaltung des „Dritten Reiches“ 1936 bis 1945, Paderborn 2013, 159-179.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.