Christoph van Sichem, Public domain, via Wikimedia Commons
Thüringen war über Jahrhunderte vom Christentum geprägt. Bereits im 8. Jahrhundert wirkte der Missionar Bonifatius (673–754), bekannt als „Apostel der Deutschen“ u.a. in Erfurt und Ohrdruf. Persönlichkeiten wie die Heilige Elisabeth von Thüringen (1207–1231), Martin Luther (1483-1546) und Thomas Müntzer (1489-1525) waren prägende Figuren des Christentums in Thüringen. Heute ist Thüringen eines der säkularsten Bundesländer: ca. zwei Drittel der Bevölkerung geben an, nicht religiös zu sein – ein Spitzenwert weltweit. Dennoch gibt es religiöse Vielfalt. Die meisten Christen Thüringens sind evangelisch, katholische Zentren befinden sich insbesondere in Erfurt (mit dem Dom St. Marien) und im Eichsfeld (mit dem immateriellen UNESCO-Kulturerbe der Palmsonntagsprozession in Heilbad Heiligenstadt). Muslimische und jüdische Gemeinden sind vor allem in den größeren Städten wie Erfurt und Jena aktiv. Migration hat orthodoxe Kirchen und freikirchliche Gemeinden hinzugebracht.
Identität oder Identitäten?
Thüringen ist kulturell vielfältig und wird traditionell durch zwei große Volksgruppen geprägt: die Thüringer und die Franken. Die Grenze verläuft entlang des Rennsteigs. Das auffälligste Unterscheidungsmerkmal ist vermutlich der Dialekt. Während nördlich des Rennsteigs die thüringisch-obersächsische Dialektgruppe beispielsweise mit dem Ilmthüringischen (um Jena, Weimar, Rudolstadt), dem Nordthüringischen (große Teile des Eichsfelds, Nordhausen, Kyffhäuser) und dem Südostthüringischen (Saalfeld, Gera) dominiert, beginnt südlich des Rennsteigs der fränkische Sprach- und Kulturraum. Dort werden Dialekte wie Itzgründisch (u.a. Hildburghausen, Sonneberg, Eisfeld) und die Henneberger Mundart (u.a. Schmalkalden, Suhl, Meiningen, Themar) gesprochen. Die fränkischen Einflüsse sind nicht nur sprachlich, sondern auch kulturell spürbar – etwa in Bräuchen und Trachten. Traditionsbewusste Franken in Thüringen beklagen nicht selten eine mangelnde öffentliche Wahrnehmung und Repräsentation fränkischen Lebens im Freistaat.
Lebensart und Kultur – traditionell und modern
Sebastian Wallroth, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons
Identität zeigt sich auch in der Art zu essen. Kulinarisch sind das Thüringer Rostbrätel, Thüringer Bratwurst und die berühmten Klöße über die Landesgrenzen bekannt. In ländlichen Regionen haben Hausschlachtungen und Schlachtfeste bis heute Bedeutung – wenngleich ihre Anzahl seit der Wiedervereinigung drastisch gesunken ist. Sie stehen für gemeinschaftliches Arbeiten und die Herstellung von Spezialitäten wie Leber- und Blutwurst, die sich durch eine einzigartige, von Region zu Region immer leicht variierende Gewürzmischung (Majoran, Ingwer, Muskat, Kümmel) auszeichnen. Ergänzt wird dies durch eine vielfältige Bierkultur, aber auch durch die Thüringischen Gebiete des Saale-Unstrut Weinanbaus.
Das Kunsthandwerk ist ein weiterer Identitätsanker: Glasbläserei in Lauscha (Erfindung der Christbaumkugel), Steinzeug aus Bürgel hat eine lange Tradition. Spezielle Märke (Töpfermärkte, Glasmärkte) und urbane Events wie das Krämerbrückenfest in Erfurt bieten den Kunsthandwerkern Gelegenheit, ihr Schaffen zu präsentieren.
Die Lebensart in Thüringen ist geprägt von einer einzigartigen Verbindung aus überlieferten Bräuchen und zeitgenössischer Kultur. Traditionelle Feste wie die Kirmes in Südthüringen, der Wasunger Karneval – der älteste Straßenkarneval Deutschlands –, das Rudolstädter Vogelschießen oder der Zwiebelmarkt in Weimar sind feste Termine im Jahreskalender und stiften regionale Identität. Das Rudolstadt-Festival, eines der größten Weltmusikfestivals Europas, ist nach der Widervereinigung entstanden und zieht ein internationales Publikum an. In den Sommermonaten bietet die Jenaer Kulturarena eine breite Palette an populären und klassischen Darbietungen – von Musik über Theater bis Film. Und mit Clueso („Gewinner“) ist ein bundesweit populärer Künstler immer ein echter Erfurter geblieben.
Wohn- und Lebensverhältnisse
In Thüringen ist es recht wahrscheinlich, in einer Stadt aufzuwachen, denn der Freistaat hat eine der höchsten Städtedichten in ganz Deutschland – wobei die größte Stadt (Erfurt) gerade einmal ca. 217.000 Einwohner zählt. Die Mietpreise sind im Bundesvergleich moderat. Die durchschnittliche Nettokaltmiete in Thüringen betrug 2022 5,65 Euro pro Quadratmeter – Tendenz steigend. In Städten wie Jena liegt sie teils deutlich darüber, in den strukturschwachen ländlichen Regionen teils darunter. Ungefähr 42 Prozent der Bevölkerung leben in selbstgenutztem Wohneigentum, was ungefähr dem Bundesdurchschnitt entspricht. Obwohl der ÖPNV durch Millionen an Steuergeldern unterstützt und durch Busse und Regionalbahnen getragen wird, bleibt das Auto in vielen Regionen unverzichtbarer Begleiter im Alltag der Menschen.
Gesellschaftlicher Zusammenhalt
Demografischer Wandel, die Folgen der ökologischen Transformation, unterschiedliche Lebenswelten zwischen Stadt und Land oder Migration können Spannungen erzeugen – gerade in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und globaler Krisen. Das geht auch an Thüringen nicht spurlos vorbei. Studien attestieren der Thüringer Gesellschaft ein vergleichsweise geringes Zusammengehörigkeitsgefühl. Doch Thüringen verfügt auch über Ressourcen des Zusammenhalts: eine starke Vereinskultur mit rund 20.000 gemeinnützigen Vereinen, lokale Netzwerke und eine demokratische Tradition, die bis ins 19. Jahrhundert reicht.