Thüringen - Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Thüringen – Identität eines Bundeslandes
Thüringen gehört zu den fünf Bundesländern, die 1990 im Zuge der deutschen Wiedervereinigung der Bundesrepublik Deutschland beigetreten sind. Das politische Zentrum mit der Landeshauptstadt Erfurt beherbergt das Parlament und die Regierung. Doch Thüringen ist weit mehr als eine politische Einheit im bundesdeutschen Föderalismus. Den Naturraum prägen waldreiche Gebirgszüge wie der Thüringer Wald, das Thüringisch-Fränkische Schiefergebirge, der Kyffhäuser und auch der Harz. Ebenso formen Ebenen wie das Thüringer Becken und Flüsse wie Saale, Unstrut und Werra das Bild dieser Landschaft. Die Menschen sind vielfältig. Dialekte wie das Thüringisch-Obersächsische oder das Ostfränkische sind Ausdruck regionaler Eigenheiten. Dennoch vereint die Menschen eine gemeinsame, tief verwurzelte Kulturgeschichte.
Historische Wurzeln
Die Geschichte Thüringens reicht weit zurück. Schon im Frühmittelalter existierte das Königreich Thüringen. Während der Zeit der Ottonen im 10. Jahrhundert war Thüringen ein bedeutendes Zentrum des ostfränkisch-deutschen Reichs. Später zerfiel es in zahlreiche kleine Herrschaften – ein Zustand, der erst in der Weimarer Republik überwunden wurde. Die Kleinstaaterei prägte das Land über Jahrhunderte und hinterließ eine Fülle an Burgen und Residenzen. Während dies eher hinderlich für eine große politische Bedeutung war, bot es einen Nährboden für eine einzigartige kulturelle Vielfalt. Als Kernland der Reformation entfaltete Thüringen welthistorische Wirksamkeit. Martin Luther, dessen Familie aus Thüringen stammte, übersetzte auf der Wartburg das Neue Testament. In Weimar blühte die deutsche Klassik mit Goethe, Schiller, Herder und Wieland. Die Stadt wurde zum Symbol einer deutschen Nationalkultur. Im 20. Jahrhundert markierte das Bauhaus in Weimar den Aufbruch in eine neue Zeit.
In Thüringen verdichten sich die Widersprüche der deutschen Geschichte in besonderer Weise. Bereits im frühen 19. Jahrhundert gehörten thüringische Staaten zu den Vorreitern der Verfassungsentwicklung, die fürstliche Herrschaft begrenzte und erste Rechte sicherte. 1919 verabschiedete die Nationalversammlung in Weimar die erste parlamentarisch-demokratische Verfassung Deutschlands. Doch bereits 1930 wurde die NSDAP in Thüringen erstmals an einer Landesregierung beteiligt. Nur wenige Kilometer von Weimar entfernt errichtete die SS 1937 das Konzentrationslager Buchenwald – einen Ort der systematischen Entrechtung, der Zwangsarbeit, der Folter und des Massenmordes. Buchenwald war Teil des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Mordsystems und mit dem Holocaust, der systematischen Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden, verflochten. Auch die DDR-Geschichte gehört zu diesen Widersprüchen: Auf dem Gebiet des heutigen Thüringen prägten die SED-Diktatur, politische Verfolgung und die gewaltsame Abriegelung der innerdeutschen Grenze das Leben vieler Menschen. Zugleich gingen auch hier in vielen Orten 1989 Menschen für Freiheit und demokratische Rechte auf die Straße und trugen zum Gelingen der Friedlichen Revolution bei.
Symbole und ihre Bedeutung
Das offizielle Landeswappen Thüringens ist ein Symbol der Einheit in Vielfalt. Der „bunte Löwe“ steht für das Herrschaftsgeschlecht der Ludowinger, die im 13. Jahrhundert als Thüringer Landgrafen ein gewichtiger Machtfaktor im Deutschen Reich waren. Sieben Sterne stehen für die Fürstentümer, aus denen sich 1920 das Land erstmals gründete, der achte für die preußischen Gebiete (z.B. Erfurt), die 1945 dem Land zugeschlagen wurden. Anders als das Wappen ist die Hymne „Thüringen, holdes Land“ kein offizielles Hoheitszeichen. Und selbst wenn sie das wäre, würde dies wohl nicht den aktuellen Siegeszug des „Rennsteigliedes“ von Herbert Roth und Karl Müller aufhalten. Es ist längst nicht mehr – wie man noch oft liest – nur die heimliche Landeshymne. Das möchte die Verbundenheit der Thüringer zur Natur und insbesondere dem Thüringer Wald zum Ausdruck bringen.
Thüringen in Zahlen
Der Freistaat Thüringen ist mit rund 16.200 km² das flächenmäßig kleinste der fünf ostdeutschen Bundesländer und hat rund 2,07 Millionen Einwohner:innen (Stand: Juni 2026). Bei einer Bevölkerungsdichte von etwa 128 Menschen je km² entfallen rechnerisch rund 7.800 m² Landesfläche auf jede Person. Thüringen gliedert sich in 17 Landkreise und fünf kreisfreie Städte, die keinem Landkreis angehören. Insgesamt gibt es 120 Städte; die größten sind Erfurt (216.500), Jena (108.600) und Gera (94.500).
Etwa 52 Prozent der Fläche sind Landwirtschaftsflächen, 33 Prozent Wald. Im Nationalpark Hainich steht die weitgehend ungestörte Naturentwicklung im Mittelpunkt. Die beiden Biosphärenreservate Thüringer Wald und Rhön verbinden Naturschutz mit nachhaltigem Wirtschaften. Fünf Naturparks dienen dem Landschaftsschutz, der Erholung und der regionalen Entwicklung.
Die UNESCO erkennt Kultur- und Naturstätten von außergewöhnlicher weltweiter Bedeutung als Welterbe an. In Thüringen zählen dazu die Wartburg, das Klassische Weimar, die Bauhaus-Stätten in Weimar und das Jüdisch-Mittelalterliche Erbe in Erfurt sowie Buchenwälder im Nationalpark Hainich als Teil einer länderübergreifenden Weltnaturerbestätte. Zum immateriellen Kulturerbe gehören lebendige Traditionen und Fertigkeiten: Skatspielen, Töpferhandwerk und die Förderung von Bau und Spiel der Waldzither sind im bundesweiten Verzeichnis anerkannt; die manuelle Glasfertigung steht auf der internationalen UNESCO-Liste.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das die im Land erbrachte Wirtschaftsleistung misst, betrug 2025 rund 80,6 Milliarden Euro. Das entspricht rechnerisch etwa 80.300 Euro je in Thüringen erwerbstätiger Person. Die Arbeitslosenquote lag im Jahresdurchschnitt bei 6,4 Prozent. Ende 2025 lebten rund 174.600 Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Thüringen. Das entspricht 8,4 Prozent der Bevölkerung.
Heute und morgen
Thüringen steht vor großen Aufgaben: Überalterung und Fachkräftemangel prägen die Entwicklung. Klimawandel und Waldschäden, die das Selbstverständnis als „grünes Herz Deutschlands“ in Frage stellen, sind zusätzliche Herausforderungen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, können die Thüringerinnen und Thüringer jedoch auf zahlreiche Stärken bauen, wie die entwickelte Forschungslandschaft, einen ausgeprägten Mittelstand sowie eine attraktive Bildungs- und Kulturlandschaft. All das führte dazu, dass Thüringen in den letzten Jahren wieder mehr Zu- als Abwanderungen verzeichnete.
Steffen Raßloff: Thüringen - Ein historischer Überblick, Erfurt 2015.
Peter Heß: Das Thüringer Landeswappen, Erfurt 2012.
Michael Löffelsender: Das KZ Buchenwald 1937 bis 1945, Erfurt 2025.
Julia Reutelhuber: Aspekte zur Geschichte Thüringens, Erfurt 2017.
Manuel Schwarz: Das Ende der Fürstenherrschaft in den Thüringer Staaten, Erfurt 2017.
Univ.-Prof. Dr. Michael May ist Inhaber der Professur Didaktik der Politik an der Universität Erfurt.