Terror als Instrument der NS-Herrschaft
Ist die Herrschaft der NSDAP von Anfang an von Gewalt begleitet?
Beginnend nur wenige Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, lief die systematische Unterdrückung politischer Gegner an. Kommunisten waren die ersten Opfer – bis Anfang März 1933 waren in Thüringen bereits rund 400 inhaftiert worden. Bald gerieten auch Gewerkschaftler und Sozialdemokraten ins Visier der Polizei, die zeitweilig durch rund 2.000 „Hilfspolizisten“ aus den Reihen rechtsextremer Wehrverbände wie SA, SS und Stahlhelm verstärkt wurde. Bald schon waren die Gefängnisse vollkommen überfüllt. In Nohra entstand ein frühes Konzentrationslager mit zeitweilig bis zu 220 Gefangenen, das im Spätherbst 1933 durch ein neues Lager in Bad Sulza ersetzt wurde. Bis zu dessen Auflösung im Sommer 1937 gingen fast 900 Gefangene durch das Lager, in dem harte Arbeit und Misshandlungen an der Tagesordnung waren. Unter ihnen waren auch Frauen. Am 1. Januar 1934 wurde ein Geheimes Staatspolizeiamt in Weimar eingerichtet. Die Gestapo, ab 1936 im Marstall Weimar untergebracht, wurde rasch zum Synonym für Überwachung und Unterdrückung. Sie konnte sich aber zugleich jederzeit auf die Spitzeldienste zahlreicher deutscher Männer und Frauen stützen, die bereitwillig ihre Mitmenschen denunzierten. Zuletzt arbeiteten ca. 250 Personen in Weimar sowie einem reichlichen Dutzend Gestapo-Außen- und Nebenstellen in anderen Städten Thüringens. Frühzeitig wurde auch die Justiz zum Repressionsinstrument umgebaut. Namentlich das neu geschaffene „Sondergericht Weimar“ agierte ohne gerichtliche Voruntersuchung, ohne Eröffnungsbeschluss und ohne angemessene Rechtsmittel für die Angeklagten. 1933 bis 1936 wurden vor Thüringer Gerichten ca. 3.500 Prozesse wegen „staatsfeindlicher“ Äußerungen und Aktivitäten geführt. Oft genügte schon ein Witz über die neue politische Führung für eine Anklage und eine monatelange Haftstrafe.
Welche Gruppen werden zum Ziel von Repression?
Neben politischen Gegnern ging das NS-Regime auch erbarmungslos gegen alle Personen vor, die gemäß seiner Ideologie als Störfaktoren oder Fremdkörper in der „Volksgemeinschaft“ galten. Dies galt im besonderen Maße für die Thüringer Juden, aber auch für die Sinti und Roma im Land. Sie wurden zunächst gezielt ausgegrenzt, und im Krieg dann zu mehreren hundert in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. So traf es beispielsweise im März 1943 mindestens drei Dutzend aus dem Wohnlager im Erfurter Rasenrain und wahrscheinlich mehr als 40 aus Mühlhausen. Für viele, insbesondere für die Kinder unter ihnen, bedeutete dies das sichere Todesurteil. Der Strafvollzug im Reichsgebiet wurde ab 1933 schrittweise enthumanisiert. Die Haftbedingungen in Gefängnissen und Zuchthäusern Thüringens wie etwa Gräfentonna, Ichterhausen und Untermaßfeld verschlechterten sich systematisch. Die Verpflegung war eintönig und knapp, die Zellen oft überbelegt. Insbesondere im Krieg wurde das Strafmaß für zahlreiche Verbrechen drastisch verschärft. So konnte nun bereits ein Diebstahl, begangen unter Ausnutzung eines Luftalarms, das Todesurteil bedeuten. Zentrale Hinrichtungsstätte war das Weimarer Landgericht in der heutigen Carl-von-Ossietzky-Straße, wo 1933 bis 1945 mindestens 197 Menschen ermordet wurden. Kriminelle Wiederholungstäter, so genannte „Berufsverbrecher“, wurden vielfach nach Verbüßung ihrer Strafe in ein Konzentrationslager eingewiesen. Bei ihnen handelte es sich mehrheitlich nicht etwa um Schwer- oder Gewaltverbrecher, sondern um kleinkriminelle Diebe und Betrüger. Harte Strafen bis zur Einweisung in ein KZ drohten auch jenen Männern und Frauen, die sich nicht wunschgemäß in den Arbeitsprozess einfügten und als sogenannte „Arbeitsscheue“ galten. Vielfach galt zudem, dass Angeklagte aus den Reihen der ausländischen Zwangsarbeiter härter als Deutsche bestraft wurden. Zudem griff das Regime tief in das persönliche Leben der deutschen Bevölkerung ein – namentlich männliche Homosexuelle wurden systematisch kriminalisiert. Besonders in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurden in Weimar dutzende Homosexuelle angeklagt und zu Haftstrafen verurteilt. Mitunter wurden Homosexuelle auch in ein KZ überstellt.
Wie geht das NS-Regime mit psychisch kranken Menschen um?
Die abwertende Beurteilung psychisch kranker Menschen war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Befürchtungen vor einer angeblichen „Verunreinigung des Volkskörpers“ durch die mögliche Vererbung von Krankheiten, Gedankenspiele bezüglich ihrer wie auch immer gearteten „Entfernung“ wurden schon lange vor den 1920er Jahren formuliert. Ein Befürworter derartiger Maßnahmen war etwa der lange Jahre in Jena wirkende Zoologen und Philosophen Ernst Haeckel. Das NS-Regime war es indes, das diese Gedanken zielstrebig in Regierungshandeln umsetzte. Bereits im Sommer 1933 wurde ein Gesetz zur Verfügung erbkranken Nachwuchses geschaffen, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat. Es ermöglichte die Unfruchtbarmachung bei einem breiten Spektrum oft nur ungenau definierter tatsächlicher oder angeblicher Erbkrankheiten, aber auch bei Alkoholismus und später auch Homosexualität. Darauf gestützt führten Klinken in Thüringen tausende Sterilisierungen an Männern und Frauen durch. Die theoretisch notwendige Einwilligung der „Patienten“ wurde vielfach durch massiven Druck erzielt oder erst gar nicht erfragt. Allein in Jenaer Kliniken fanden nachweißlich ca. 2.000 solche Eingriffe statt. Die Zahlen für Gera dürften noch etwas über dieser Fallzahl gelegen haben. Rund 700 Eingriffe erfolgten nachweißlich in Erfurt, in Weimar mindestens eine ähnliche Anzahl. Es ist von mindestens mehreren Dutzend Todesfällen infolge von Komplikationen während und nach der Operation auszugehen. Die Lebensbedingungen in den Heil- und Pflegeanstalten verschlechterten sich schrittweise, da das Regime nicht gewillt war, nennenswerte Mittel für „unwertes Leben“ einzusetzen. Ab Beginn des Zweiten Weltkrieges gipfelte diese Mentalität in einem gezielten Mordprogramm, in dessen Verlauf die Anstalten für psychisch Kranke durchkämmt und die Insassen gezielt selektiert wurden. Wer für die Ermordung vorgesehen war, wurde in eine der zentralen Tötungsanstalten „verlegt“ und dort in Gaskammern ermordet. Für Thüringer Einrichtungen war dies zumeist, aber nicht ausschließlich, Pirna-Sonnenstein in Sachsen. Auch nachdem das Programm eingestellt wurde, teils aufgrund von öffentlichen Protesten, teils weil die für das gesamte Reich ins Auge gefasste „Zielzahl“ von ca. 70.000 Mordopfern ohnehin weitgehend erreicht war, lief im Untergrund in vielen Einrichtungen der dezentrale Krankenmord durch systematische Unterversorgung und tödliche Medikamentengabe weiter. In Thüringen betraf dies namentlich die Heilanstalten Stadtroda und Pfafferode beim damals noch preußischen Mühlhausen.
Welche Rolle spielen die Konzentrationslager in Thüringen?
Seit Frühjahr 1937 liefen Planungen für die Errichtungen eines Groß-Konzentrationslagers in Thüringen, das zunächst für 8.000 Insassen geplant wurde. Ausgewählt wurde am Ende ein Areal im Norden des Ettersberges bei Weimar, das im Sommer wie Winter von Wetterunbilden geprägt war. Die ersten Gefangenen trafen am 15. Juli 1937 ein. Anfangs auf eine Fläche von rund 100 Hektar ausgelegt, wuchs das KZ Buchenwald am Ende auf die doppelte Ausdehnung an. Nur wenige Kilometer von der damaligen Landeshauptstadt entfernt gelegen, entwickelten sich zahlreiche personelle Verflechtungen zwischen der „Klassikerstadt“ und dem Konzentrationslager. Tausende Häftlinge mussten in der Stadt arbeiten, und die SS-Wachmannschaften und ihre Familien wurden Teil der Weimarer Zivilgesellschaft. Selbst wenn bei weitem nicht alle Einzelheiten des Lageralltags in der Ilmstadt bekannt wurden, wie etwa die mörderischen medizinischen Versuche – nichts von dem KZ und den unmenschlichen Zuständen hinter dem Stacheldraht zu wissen, war nur möglich, wenn man geradezu zwanghaft nichts wissen wollte.
Zunächst diente Buchenwald in erster Linie als Mittel der Unterdrückung und Separierung politischer Gegner und all jener, die nach den Vorstellungen des Regimes nicht in die „Volksgemeinschaft“ passten. Im Verlauf des Krieges entwickelte sich das Lager, seine Arbeitskommandos im nahen und weiteren Umland sowie die insgesamt rund 140 Außenlager in Thüringen und weit darüber hinaus jedoch zusätzlich zu einem wesentlichen Wirtschaftsfaktor. Die Gefangenen schufteten vor allem in der Rüstungswirtschaft und bei Bauarbeitern. Bis zum Ende des Krieges gingen rund 240.000 männliche Gefangene durch Buchenwald und seine Außenlager. In der Mehrheit waren sie ausländischer Nationalität. In einer Reihe von Außenlagern mussten zudem rund 27.000 Frauen Sklavenarbeit verrichten. Das Leben in Buchenwald wie in den Außenlagern war von Willkür, Unsicherheit und ständigem Mangel geprägt. Ausreichend Platz zum Schlafen, nahrhaftes Essen, die Möglichkeit sich zu waschen, im Winter warme Bekleidung – Dinge, die selbstverständlich erscheinen – standen den Gefangenen nicht oder bestenfalls eingeschränkt zur Verfügung. Dazu kam die permanente Gefahr der Misshandlung durch das SS-Wachpersonal (für die weiblichen Häftlinge oft durch weibliche SS-Zivilangestellte), durch deutsche Zivilvorgesetzte während der Zwangsarbeit, aber auch durch vorgesetzte Häftlinge, die ständig unter dem Druck standen, die Vorgaben der SS zu erfüllen. Insgesamt starben ca. 56.000 der KZ-Häftlinge, rund 30 Prozent der Toten waren deutsche und ausländische Juden. Die größte Gruppe, die gezielt ermordet wurde, waren etwa 8.000 sowjetische Kriegsgefangene: Offiziere, politische Kommissare, Juden und aus anderen absurden Gründen in den Wehrmachts-Gefangenenlagern selektiert. Sie wurden in Buchenwald mit Kopfschüssen ermordet. Rund 1.000 weibliche Gefangene starben in den Außenlagern oder wurden – arbeitsunfähig infolge von Krankheit, Verletzung oder Schwangerschaft – in das Vernichtungslager Auschwitz überstellt. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer unter den Männern und Frauen dürfte indes höher gewesen sein, da zahlreiche weitere Gefangene auf den Todesmärschen bei Kriegsende zu Grunde gingen oder gezielt ermordet wurden. Nicht wenige überlebten zwar den Krieg, starben aber an den Folgen der Entbehrungen.
Zunächst im Sommer 1943 als Außenlager von Buchenwald gegründet, entwickelte sich das Lager Mittelbau-Dora bei Nordhausen schließlich zu einem eigenständigen Konzentrationslager mit einem eigenen Netzwerk von Außenlagern. Rund 60.000 Gefangene wurden vor allem für den Aufbau und Betrieb von oft unterirdisch angelegten Montage- und Fertigungsanlagen für technisch moderne, aber noch vollkommen unausgereifte Marschflugkörper und Kampfflugzeuge ausgebeutet. Insbesondere auf den Baustellen herrschte ein mörderischer Arbeitsdruck, und in den oft überhastet errichteten Häftlingsquartieren, teils nur unterirdischen Stollenabschnitten ohne adäquate Lüftung oder auch nur primitivsten Schlaf- und sanitären Einrichtungen, waren die Lebensbedingungen katastrophal. Die Zahl der Todesopfer betrug nach vorsichtigen Schätzungen rund 20.000.
Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten/Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Bd. 8: Thüringen, Frankfurt am Main 2003.
Volkhard Knigge: Buchenwald. Ausgrenzung und Gewalt. 1937 bis 1945. Begleitband zur Dauerausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald, Göttingen 2016.
Willy Schilling: Hitlers Trutzgau. Thüringen im Dritten Reich, Band I, Jena/Quedlinburg 2005, 32-52.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.
Kontakt
Telefonnummer: 0361 / 57 32 12 701
E-Mail Adresse:
info@lzt.thueringen.de