Die Art und Weise wie wir wohnen befindet sich im Wandel. Global betrachtet, ziehen immer mehr Menschen in Städte und Ballungsräume. Während 1950 nur etwa ein Drittel der Weltbevölkerung urban lebte, sind es heute über die Hälfte. Bis 2050 wird dieser Anteil voraussichtlich auf rund 70 Prozent steigen. Dieser Prozess wird als Urbanisierung bezeichnet – einer der prägendsten Megatrends unserer Zeit, der Gesellschaft und Gemeinschaft langfristig verändert.
Warum ziehen die Menschen in Städte?
Kurz gesagt tun sie dies wegen dem Versprechen auf ein besseres Leben. In Städten gibt es oft interessantere oder überhaupt Jobs, die passende Uni oder eine bessere Gesundheitsversorgung. Viele fühlen sich auch angezogen vom kulturellen Angebot, den vielen Freizeitmöglichkeiten, dem Austausch mit anderen Menschen. Städte sind Impulsgeber und Innovationshubs.
Deutschland: Stadt unter Druck, Land im Wandel
In Deutschland ist die Urbanisierung weit fortgeschritten. Kapp 78 Prozent der Menschen leben hierzulande in Ballungsräumen, Tendenz weiter steigend. Nur etwa 15 Prozent leben in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern. Die Folgen: Knapper Wohnraum, steigende Mieten und zunehmende soziale Ungleichheit in Städten treffen auf Abwanderung, Leerstand und infrastrukturelle Defizite im ländlichen Raum. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen wachsenden Stadträumen und schrumpfenden Regionen. Besonders betroffen vom Wohnraummangel sind Haushalte mit geringem Einkommen. Dazu kommt eine immer älter werdende Gesellschaft, mit mehr Bedarf an barrierefreiem Wohnraum und steigenden Anforderungen an Pflege- und Gesundheitsinfrastruktur. Laut Prognosen des Statistischen Bundesamts wird in Deutschland die Zahl der Menschen über 67 Jahre bis 2035 um etwa vier Millionen auf mindestens 20 Millionen steigen. Das sind dann rund ein Viertel der Bevölkerung. Die Alterung der Gesellschaft wird sich voraussichtlich bis zum Jahr 2050 fortsetzen. Wohnen wird daher nicht nur zu einer ökonomischen, sondern auch demokratischen und sozialen Zukunftsfrage.
Das Thüringen-Paradox: Schrumpfende Bevölkerung, wachsende Zentren
Thüringen hat seit 1990 rund ein Fünftel seiner Bevölkerung verloren. Statt damals 2,6 Millionen Menchen leben heute nur noch knapp über 2 Millionen in Thüringen. Neben der Abwanderung insbesondere junger Menschen in die westlichen Bundesländer nach der Wiedervereinigung, spielen Geburtendefizit und Überalterung eine Rolle. Bis 2045 wird ein weiterer Rückgang der Bevölkerung von rund 15 Prozent gegenüber heute erwartet.
Der Trend zur Urbanisierung führt in Thüringen zu einer räumlichen Polarisierung. Während die Kernstädte und ihr Umland wachsen, verzeichnen ländliche Regionen einen deutlichen Bevölkerungsrückgang. Die Wirtschaftsstruktur ist durch eine hohe Kleinteiligkeit geprägt, wobei sich wirtschaftliches Wachstum, Innovationen und hohe Einkommen zunehmend auf die Hauptstädte konzentrieren. In den Wachstumszentren steigen die Mietpreise und der Druck auf den Wohnungsmarkt, insbesondere in Jena und Weimar. Parallel dazu führt der Bevölkerungsrückgang im ländlichen Raum zu einem Rückbau und einer Anpassung der sozialen Infrastruktur. Zusammenfassen lässt sich das Ganze mit dem Begriff des Thüringen-Paradox: ein Nebeneinander von Schrumpfung und Wachstum. Das heißt auch: Thüringen wächst wirtschaftlich in einigen Bereichen, während es demografisch und strukturell an Substanz verliert. Die Herausforderung besteht nun darin, das Leben auf dem Land trotz des Trends zur Urbanisierung ansprechend zu gestalten.
Wie kann das Wohnen im ländlichen Raum attraktiv bleiben?
Dafür sind gezielte Maßnahmen in mehreren Bereichen erforderlich. Eine leistungsfähige digitale Infrastruktur bildet die Grundlage für Homeoffice, digitale Bildung und unternehmerische Aktivitäten. Gleichzeitig muss die Mobilität durch flexible Angebote wie Ruf- und Bürgerbusse, Carsharing sowie bessere Bus- und Bahnverbindungen verbessert werden, um die Anbindung an urbane Zentren zu stärken. Ebenso entscheidend ist die Schaffung wohnortnaher Arbeitsplätze durch die Förderung regionaler Wirtschaft und moderner Arbeitsformen wie Co-Working-Spaces.
Zur Sicherung der Lebensqualität gehört eine verlässliche Daseinsvorsorge mit guter medizinischer Versorgung, Bildungs- und Betreuungsangeboten sowie erreichbaren Einkaufsmöglichkeiten. Thüringen kann zudem von vorhandenen Leerständen und Umnutzungsmöglichkeiten profitieren, um bezahlbaren Wohnraum und innovative Wohnprojekte zu entwickeln, die Gemeinschaft auch zwischen Generationen fördern. Stichworte: Mehrgenerationen-Siedlungen, Cluster-Wohnen, demenzfreundliche Kommunen. Ergänzend stärken soziale und kulturelle Angebote das Gefühl von Teilhabe und Identifikation. Neben geringeren Wohnkosten bieten nicht zuletzt gesundheits- und klimafreundliche Faktoren wie Ruhe, Luftqualität, Grünflächen und intakte Ökosysteme die Chance, den ländlichen Raum als attraktive Alternative zum urbanen Wohnen in dicht gedrängten Ballungsgebieten zu positionieren.
Gabriela Beck: Wie wir wohnen wollen – Ein Bauplan für den Wandel, bpb Schriftenreihe Band 11214, Bonn 2025
Stella Schaller, Lino Zeddies, Ute Scheub, Sebastian Vollmar: Zukunftsbilder 2045, oekom Verlag, München 2023, ISBN: 978-3-96238-386-2
Osamu Okamura: Die Stadt für alle, Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2022, ISBN: 978-3-7920-0379-4
Friedrich von Borries, Benjamin Kasten: Stadt der Zukunft - Wege in die Globalopolis, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2021, ISBN: 978-3-596-70432-3
Gabriela Beck ist Diplom-Ingenieurin für Architektur mit Schwerpunkt Stadtplanung und arbeitet seit vielen Jahren als Fachjournalistin zu nachhaltigem Städtebau und Zukunftstrends des Wohnens.