Der Wunsch nach einer besseren, menschengerechten Arbeit prägt die Debatten über die Arbeitswelt seit der Industrialisierung. Der Megatrend New Work greift diesen Wunsch nach einer humanen, fairen und gesunden Arbeit auf. New Work steht für flexible und zeitgemäße Arbeitsmodelle, die die Möglichkeiten neuer Technologien nutzen und die darauf zielen, proaktive Arbeitsweisen zu fördern. Durch flexible Arbeitsbedingungen, neue Führungskonzepte und mehr Selbstorganisation soll eine Arbeitskultur ermöglicht werden, die zu mehr Selbstwirksamkeit führt und so kreatives und innovatives Verhalten fördert. New Work steht somit auch für eine Utopie einer besseren Arbeitswelt, in der die Wünsche nach Selbstbestimmung, persönlichem Wachstum und Sinn im Fokus stehen.
New Work – Arbeit, die dem Menschen dient
Der Begriff ‚New Work‘ wurde in den 2010er Jahren immer populärer, um Arbeitsformen zu beschreiben, die die Wünsche nach Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten der Beschäftigten ernst nehmen. Zudem geht es um Arbeitsmodelle, die eine größere zeitliche und räumliche Flexibilität ermöglichen wie die Arbeit aus dem Homeoffice oder die Vier-Tage-Woche.
Als Ideengeber des Begriffs wird Frithjof Bergmann gesehen, der in seinem Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ die Frage ins Zentrum stellt, wie die Arbeit den Menschen dient. Dazu schlug er ein Konzept vor, wie man Arbeit anders verstehen kann. Für ihn ist Arbeit mehr als ein Job, und andere Formen des Tätigseins wie Selbständigkeit oder gemeinschaftliche Selbstversorgung zählen ebenfalls unter den Arbeitsbegriff. Ein solches erweitertes Arbeitsverständnis macht weniger abhängig vom Arbeitsmarkt. Zudem kann die Vielfalt der Tätigkeiten zu mehr Lebendigkeit, Selbstermächtigung (Empowerment) und neuen Möglichkeiten der kreativen Lebensgestaltung führen.
Der Begriff New Work hat sich von der ursprünglichen Idee wegentwickelt. In Organisationen geht es darum, wie Erwerbsarbeit zeitgemäß gestaltet werden kann. Der gemeinsame Kern ist die Idee einer menschengerechten Arbeit, die Menschen in ihre Gestaltungskraft bringt, die Partizipation stärkt und so Selbstwirksamkeit fördert.
New Work-Maßnahmen in Organisationen
New Work umfasst von orts- und zeitflexiblen Arbeitskonzepten über agile Arbeit bis hin zu Sabbaticals oder flacheren Hierarchien eine Vielzahl von Ansätzen. Dadurch ist der Begriff unscharf. Für eine fundierte Auseinandersetzung ist es wichtig, die einzelnen Maßnahmen und deren Wirksamkeit für gute Arbeit differenziert zu betrachten.
Viele der unter New Work zusammengefassten Arbeitsformen versprechen mehr Flexibilität und Autonomie. Gleichzeitig bergen sie die Gefahr einer Entgrenzung von Arbeit und Überforderung und können die psychische Gesundheit beeinträchtigen. So kann Arbeit im Homeoffice die eigene zeitliche und räumliche Flexibilität erhöhen, sie kann aber auch zu Einsamkeit und Isolation beitragen. Agile Arbeitsformen können mehr Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen, sie können aber auch durch ein Zuviel an Verantwortung bei fehlenden Handlungsspielräumen überfordern und erschöpfen.
Die Schattenseiten der New Work lassen sich durch eine sinnvolle Arbeitsgestaltung begrenzen. Neben entlastenden organisationalen Strukturen ist auch die Förderung individueller Fähigkeiten der Abgrenzung von der Arbeit und der Selbstfürsorge elementar. Denn das neue Arbeiten setzt ein hohes Maß an Selbstreflexion, Persönlichkeitsentwicklung und kommunikativen Fähigkeiten voraus. Nur mit diesen Fähigkeiten kann die Übernahme von mehr Selbstverantwortung gelingen. Veränderungsprozesse hin zu einer anderen Arbeitsgestaltung sind nicht zu unterschätzen, sie sind voraussetzungsreich und können ihr Potenzial erst nach einer Weile entfalten.
Das Ende von New Work? Weichenstellungen für den Nachmittag der Arbeitswelt
In den letzten Jahren hat durch neue Unsicherheiten, die Verbreitung Künstlicher Intelligenz und eine veränderte Arbeitsmarktsituation in vielen Organisationen ein Stimmungswechsel stattgefunden: Die Möglichkeiten zur Homeofficenutzung wurden eingeschränkt, und eine neue Leistungskultur eingefordert. In diesem Kontext ist auch der Begriff New Work in die Kritik geraten. Er wurde als Ausdruck einer Wellness-Kultur in der Arbeitswelt gesehen und abgewertet.
Auch wenn der Begriff New Work viel Kritik erfahren hat, bleiben die dahinterliegenden Fragen nach einer menschengerechten, gesundheitsfördernden Arbeitsgestaltung für die Gestaltung der Zukunft der Arbeit aktuell. Flexible Arbeitsmodelle, gesunde Führung, die Reduktion von Arbeitsbelastungen und die Förderung individueller Selbstfürsorge und Ressourcen bilden somit nach wie vor wichtige Bausteine einer guten Arbeit. Gerade in Zeiten einer alternden Arbeitsgesellschaft, sinkenden Geburtenraten und eines beschleunigten technologischen Wandels bleibt es elementar zu verstehen, wie Arbeit so gestaltet werden kann, dass sie gesundheitsfördernd ist.
Prof. Dr. Friedericke Hardering ist Professorin für Zukunft der Arbeit und Digitalisierung an der FH Münster. Sie ist Arbeitsforscherin und Impulsgeberin für die Arbeitswelt von morgen.