Megatrend Nachhaltigkeit
Warum Nachhaltigkeit eine Zukunftsfrage ist
Nachhaltigkeit ist eine zentrale Gestaltungsaufgabe des 21. Jahrhunderts. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Bodendegradation und soziale Ungleichheiten verstärken sich gegenseitig. Inzwischen gelten sieben von neun planetaren Belastungsgrenzen als überschritten – etwa beim Klimawandel und beim Verlust der biologischen Vielfalt. Zugleich kommt die Umsetzung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) nur langsam voran: 2026 waren lediglich 36 Prozent der bewertbaren Unterziele auf Kurs oder zeigten moderate Fortschritte. Nachhaltigkeit fragt deshalb danach, wie ein gutes Leben für alle innerhalb der ökologischen Grenzen der Erde möglich wird.
Was bedeutet Nachhaltigkeit?
Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft: Es soll nicht mehr Holz entnommen werden, als nachwachsen kann. Heute bezeichnet nachhaltige Entwicklung einen gesellschaftlichen Prozess, der die Bedürfnisse der Gegenwart erfüllt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden. Ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Fragen müssen dabei zusammen gedacht werden. Eine Politik kann ökologisch sinnvoll, aber sozial ungerecht sein – oder kurzfristig Arbeitsplätze sichern, langfristig jedoch natürliche Lebensgrundlagen zerstören. Die Agenda 2030 mit ihren SDGs verbindet daher Umwelt- und Klimaschutz mit Armutsbekämpfung, Gesundheit, Bildung, Frieden und Teilhabe. Das Konzept der „starken Nachhaltigkeit“ hingegen betont, dass Natur nicht beliebig durch Geld oder Technik ersetzt werden kann, und geht daher von einem Vorrang der ökologischen Dimension aus.
Nachhaltigkeit als Megatrend
Als Megatrend verändert Nachhaltigkeit nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche: Energieversorgung, Mobilität, Landwirtschaft, Industrie, Bauen, Konsum, Arbeitswelt und Bildung. Erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft und klimaneutrale Produktionsweisen eröffnen Chancen für Innovation und regionale Wertschöpfung. Gleichzeitig entstehen politische Konflikte: Wer trägt die Kosten des Wandels? Wer profitiert? Wie schnell muss Veränderung erfolgen? Wie lassen sich ökologische Ziele, soziale Sicherheit und demokratische Akzeptanz verbinden?
Nachhaltigkeit ist deshalb kein fertiger Maßnahmenkatalog, sondern ein gesellschaftlicher und vor allem auch politischer Aushandlungsprozess. Individuelle Entscheidungen – etwa bei Konsum oder Mobilität – sind wichtig, reichen allein aber nicht aus. Ebenso entscheidend sind gesetzliche Rahmenbedingungen, öffentliche Infrastruktur, wirtschaftliche Anreize und demokratische Beteiligung.
Thüringen im Wandel
Für Thüringen verbindet sich nachhaltige Entwicklung besonders mit der Zukunft ländlicher Räume, der Energie- und Wärmewende, nachhaltiger Mobilität, dem Schutz von Wald und Biodiversität sowie dem Wandel von Wirtschaft und Arbeitswelt. Die Thüringer Nachhaltigkeitsstrategie versteht Nachhaltigkeit als Gemeinschaftsaufgabe von Land, Kommunen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Thüringen verfolgt das Ziel, seinen Energiebedarf bis 2040 bilanziell vollständig aus erneuerbaren Energien eigener Herkunft zu decken.
Darin liegen Chancen für regionale Unternehmen, Handwerk, Landwirtschaft, kommunale Energieprojekte und neue Arbeitsplätze. Zugleich können der Ausbau erneuerbarer Energien oder neue Flächennutzungen Konflikte hervorrufen. Deshalb sind transparente Verfahren, frühzeitige Beteiligung und ein fairer Ausgleich zwischen Stadt und Land sowie unterschiedlichen Interessen notwendig. Nachhaltigkeit wird konkret, wenn Bürger:innen an kommunalen Planungen mitwirken, Energiegenossenschaften gründen oder regionale Wirtschaftskreisläufe stärken.
(Politische) Bildung für nachhaltige Entwicklung: Zukunft mitgestalten lernen
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) soll Menschen dazu befähigen, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, unterschiedliche Interessen und Werte abzuwägen, Zukunftsvorstellungen zu entwickeln und gemeinsam zu handeln. Als politische Bildung thematisiert BNE auch Macht, Verantwortung, Verteilungskonflikte und strukturelle Rahmenbedingungen. Lernende sollten Nachhaltigkeitsfragen kontrovers diskutieren, eigene Positionen begründen und reale Beteiligungsmöglichkeiten erproben können.
Dabei geht es auch um Empowerment: Menschen sollen Vertrauen in ihre eigene und gemeinsame Handlungsfähigkeit entwickeln und erfahren, dass sie gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen können. Zukunftswerkstätten, Planspiele, lokale Projekte oder Beteiligungsverfahren verbinden deshalb Urteils- und Handlungsfähigkeit. So werden Menschen nicht nur als Konsument:innen angesprochen, sondern als Bürger:innen, die gesellschaftliche Veränderung demokratisch und gemeinsam mit anderen mitgestalten.
BNE richtet sich zudem nicht nur an einzelne Lernende. Im Sinne eines gesamtinstitutionellen Ansatzes (Whole Institution Approach) sollen Bildungseinrichtungen selbst zu Lern- und Erfahrungsorten nachhaltiger Entwicklung werden. Nachhaltigkeit wird dann nicht nur im Unterricht thematisiert, sondern auch in Organisation und Betrieb, Beteiligungsstrukturen, Beschaffung, Mobilität und der Zusammenarbeit mit dem gesellschaftlichen Umfeld praktisch gelebt.
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Prof. Dr. Marco Rieckmann ist Professor für Hochschuldidaktik an der Universität Vechta sowie Co-Chair des UNESCO Chair „Physical Education and Sport Pedagogy for Sustainable Development” an der University of Limerick (Irland). Er forscht seit mehr als 20 Jahren im Feld der Bildung für nachhaltige Entwicklung.