Unter Megatrends versteht man landläufig globale und langfristige Entwicklung, die sich örtlichen oder regionalen Einflüssen entziehen. Diese Trends entscheiden auch, wie wir zukünftig in Thüringen unterwegs sein werden, denn als gesellschaftliche und technologische Entwicklungen werden sie die nächsten Jahre bestimmen - ob wir wollen oder nicht. Ganz grundlegend ändert sich beispielsweise schon seit Jahren die soziale Struktur der Gesellschaft.
Der demographische Wandel beeinflusst die Bewegungsmuster der Gesellschaft
Der demographische Wandel ist ein globaler Trend, der durch eine steigende Lebenserwartung bei gleichzeitig stark abnehmender Geburtenrate getrieben wird. In Europa zeigt sich dies besonders bei den Jahrgängen zwischen 1955 und 1965 die als sogenannte Baby Boomer mit sehr großer Zahl in die Rentenphase übergeben. Damit ändern sich auch die Bewegungsmuster der Gesellschaft. Im Alter von 70 Jahren fahren die Menschen trotz mehr verfügbarer Zeit deutlich weniger als mit 50. Diese Jahrgänge waren die sozialen Träger der Massenmotorisierung. Keine Generation vorher und auch nachher wird wieder so viel Auto fahren. Den älteren Jahrgängen fehlte der Zugang, die Autos waren noch viel zu teuer, das Straßennetz nicht ausgebaut. Die Jüngeren wiederum erleben neue Herausforderungen und setzen andere Präferenzen.
Die Digitalisierung macht Leben und Arbeiten ortsunabhängig
Der Digitalisierung, einem weiteren globalen Trend, kann sich keine Region der Welt entziehen. Die Auswirkungen des mobilen Internets kann gar nicht überschätzt werden, der raumintensive Lebens- und Arbeitsstil ist für Jüngere durch neue Kommunikationswege überhaupt nicht mehr attraktiv. Alles wird orts- und zeitunabhängig. Der Wunsch oder auch die Notwendigkeit möglichst permanent online zu sein, lässt lange Autofahrten einfach nicht mehr zu.
Allerdings wird die Digitalisierung durch einen exponentiellen Anstieg von Rechnerleistungen auch die Automatisierung von Fahrzeugen beschleunigen und „autonome Autos“ ermöglichen. Diese müssen nicht mehr selbst gesteuert werden. Generell lassen sich Verkehrsmittel zunehmend besser über digitale Plattformen buchen und miteinander vernetzen.
Der Klimawandel vergrößert die Lücke zwischen physischer und virtueller Mobilität
Es gibt noch einen dritten Megatrend, der für die Mobilität der Gesellschaft sehr wichtig wird. Der weltweite Klimawandel. Die Bedingung der Raumüberwindung sind dadurch massiv betroffen. Bislang war das Ziel der Politik der westlichen Welt die Widerstandfähigkeit des Raumes abzusenken, also bequeme und bezahlbare Mobilität für alle überall zu ermöglichen. Dieses Versprechen ist aber nicht mehr aufrecht zu erhalten. Mehr und mehr Regionen werden überhaupt nicht mehr bewohnbar sein, die Migrationsströme werden deutlich zunehmen und die Ressourcen zur Raumüberwindung verteuern sich sehr deutlich.
Bei den Auswirkungen dieser Megatrends zeichnet sich klar ab, dass sich die physische und die virtuelle Mobilität deutlich auseinander entwickeln werden. Während wir weniger oft den konkreten Raum überwinden, entsteht durch das mobile Internet ein gigantisches Angebot: Die Welt als digitales Dorf.
Neues Denken mit neuen Optionen
Mit dem Denken und den Rezepten der letzten Jahrzehnte wird man jedenfalls in Sachen Mobilität nicht weiterkommen. Ein weiterer Ausbau der Straßeninfrastruktur erübrigt sich. Die dargestellten Megatrends zeigen nämlich jetzt schon Wirkung: die Fahrleistungen mit dem Pkw stagnieren schon seit Jahren und gehen sogar tendenziell zurück.
Aber die Autogesellschaft verschwindet natürlich nicht über Nacht. Die Megatrends sollten daher dazu genutzt werden, die alte Dichotomie von Autos einerseits sowie Bussen und Bahnen andererseits endlich aufzulösen. In Deutschland wird zurzeit das Kraftfahrzeug 19 Minuten pro Tag genutzt. Dafür muss man nicht sieben Tage rund um die Uhr ein Fahrzeug vorhalten. Mit digitalen Plattformen lassen sich die Verkehrsangebote neu sortieren. Busse und Bahnen fahren nur noch zwischen großen Verkehrskontenpunkten. Die letzte Meile wird von autonomen Fahrzeugen schnell und bequem bewerkstelligt.
In Thüringen könnte man Busse und Bahnen auf Hauptachsen mit schnellen Takten konzentrieren und die erste und letzte Meile sowie die unmittelbare Erschließung mit autonomen Fahrzeugen organisieren. Alles elektrisch mit heimischen erneuerbaren Energien angetrieben. Gleich dem Motto folgend: Die Alternative zum Auto ist das bessere Auto, das immer da ist und genau dort hinfährt, wo man hinmöchte und das einem nicht mehr (exklusiv) gehört.
Die Zukunft ist damit eine Chance für eine neue Form der Beweglichkeit, die nicht im Wahn von höher, schneller, weiter mehr Straßen oder noch mehr Brücken braucht und die sich nicht um Spritpreise sorgen muss, sondern digital vernetzte, sozial ausgewogene und nachhaltige Mobilität für alle ermöglicht.
Andreas Knie (2015): „Woher kommen bloß die vielen Autos – und wie werden wir sie wieder los? Berlin: Alexanderverlag
Prof. Dr. Andreas Knie ist Professor für Soziologie an der Technischen Universität Berlin und Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Seine Forschungsschwerpunkte umfassen Mobilitätsforschung, Technologiepolitik, Wissenschaftspolitik und Innovationsforschung, mit Fokus auf Verkehrswende und digitale Transformation.