Die Wiedervereinigung und ihre Umbrüche gingen mit tiefgreifenden Veränderungen der Lebenswelten für viele Menschen in Thüringen einher. Einerseits waren die frühen 1990er Jahre eine Zeit der Wunder, der Hoffnungen und von neuen Freiheiten sowie zahlreichen Aufbrüchen gekennzeichnet. Die Menschen aus der vormaligen DDR konnten nun reisen, sich politisch engagieren und – zumindest in der Theorie – alles kaufen, wovon sie immer geträumt hatten. Doch der nachholende Konsum jener Jahre geriet immer dort an seine Grenzen, wo Arbeitslosigkeit die zur Verfügung stehenden Ressourcen abrupt beschränkte. Ob Autos, Kassettenspieler, Fernsehgeräte, Möbel oder Kleidung: Die bunten bundesdeutschen Warenwelten waren aufgrund der Massenarbeitslosigkeit (zunächst) unerschwinglich. Nach dem Aufbruch setzte damit eine Ernüchterung ein und viele Menschen begegneten den erhofften wie unerwarteten Veränderungen daraufhin zunehmend mit Skepsis. Der Historiker Marcus Böick fasst die Stimmungen in Ostdeutschland nach dem Ende des SED-Staates wie folgt zusammen: „1989. Erweckung“, „1990. Euphorisierung“, „1991/92. Ernüchterung“, „1993/94. Enttäuschung“, „2000. Erbitterung“, „2020. Erinnerung – und Erneuerung“.
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0911-006 / Hirschberger, Ralph / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons
In den Jahren 1989 bis 2012 verließen knapp 260.000 Menschen Thüringen, der Großteil in Richtung Westen – das veränderte das soziale Miteinander, entzweite Familien und brachte Schrumpfung und Leerstand mit sich. Dörfer und Städte veränderten sich, bis heute zeugen verlassene Gebäude von jenen Jahren und spiegeln gesellschaftliche Veränderungen wider. Langfristig litt darunter auch die Daseinsvorsorge: Lebensmittelläden standen leer, Gasthöfe fanden keine Nachfolge, Arztpraxen schlossen, Bahnstationen verwaisten etc. Selbst für jene, die nicht gen Westen zogen, veränderte sich vor Ort alles. Für jede und jeden stellten das Ende der DDR und die darauffolgenden Umbruchsprozesse eine deutliche biografische Zäsur dar, mit unterschiedlichem Ausgang. Nicht selten entwickelte sich aus den erlebten Enttäuschungen zunehmend Wut. Auch der drastische Anstieg rechter Gewalt, die sich gegen Menschen mit Migrationsgeschichte aber auch politisch Andersdenkende richtete, den der Journalist und Autor Christian Bangel unter dem Hashtag „#Baseballschlägerjahre“ zusammenfasste, zeugt davon. Im Gedächtnis geblieben sind vielen gewalttätigen Ausschreitungen im sächsischen Hoyerswerda im September 1991. Allein im September und Oktober 1991, rund um den ersten Jahrestag der Deutschen Einheit, wurden etwa 1.300 „fremdenfeindliche Straftaten“ gezählt. In Thüringen kam es – laut offizieller Statistik – im Jahr 1991 zu sechs Brandanschlägen mit fremdenfeindlichem Motiv und 13 Angriffen auf Migrantinnen und Migranten. Es folgten die tagelangen Angriffe auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerberinnen und -bewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeitende in Rostock-Lichtenhagen 1992, aber auch die Brandanschläge auf von türkischstämmigen Familien bewohnte Häuser in Mölln (Schleswig-Holstein) 1992 und Solingen (Nordrhein-Westfalen) 1993 etc. Zwischen 1990 und 2020 wurden nach Recherchen der „ZEIT“ mindestens 187 Menschen von rechtsmotivierten Gewalttätern getötet, davon sieben in Thüringen.
Marcus Böick, Jammertal statt Wirtschaftswunder? Der ostdeutsche Wirtschaftsumbau und seine Folgen in sieben Schlaglichtern, in: Michael Hofmann (Hg.), Umbruchserfahrungen. Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020, Münster 2020, S. 120-136.
Valerie Schönian, Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet, München 2020.
Dr. Uta Bretschneider ist Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation und war zuvor Direktorin des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören DDR-Alltagskultur, Transformationszeit und Geschichte ländlicher Räume.