Gerade die „#Baseballschlägerjahre“ als ein düsteres Kapitel der Geschichte der Deutschen Einheit sind bis heute viel zu wenig im kollektiven und öffentlichen Erinnern präsent. Darüber hinaus gibt es viele unerzählte und ungehörte Geschichten. So wissen wir noch zu wenig über die migrantischen Perspektiven auf die Wiedervereinigung und die auf sie folgenden Umbruchsprozesse. Auch haben wir den Geschichten vom Neuanfang, vom Scheitern und vom Gelingen der letzten dreieinhalb Jahrzehnte bisher kaum Gehör geschenkt.
Heute fassen Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit die Umbrüche seit dem Ende der DDR mit dem Begriff der Transformationszeit zusammen. „Transformation“ kommt aus dem Lateinischen von „transformare“ und bedeutet so viel wie „umformen, umwandeln, die Form verändern“. Die mit dem sperrigen Begriff der Transformationszeit mehr schlecht als recht bezeichnete Epoche seit dem Ende der deutschen Teilung ist sowohl Vergangenheit, und damit ein Fall für die Erinnerungskultur, als auch ein Thema der Gegenwart, das in vielen Aspekten in unseren Alltag im Hier und Heute hineinreicht. Denn strukturelle Unterschiede zwischen Ost und West treiben die Menschen um: In Ostdeutschland sind die Gehälter niedriger, die Chancen auf ein stattliches Erbe geringer und die Repräsentation von ostdeutschen Menschen in Führungspositionen entspricht bei weitem nicht ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Laut der Langzeitstudie zu politischen Einstellungen der Menschen im Freistaat, „Thüringen-Monitor“, sind etwa ein Drittel der Thüringerinnen und Thüringer daher der Meinung, Ostdeutsche „zweiter Klasse“ zu sein.
Fotograf Michael Ernst, User: Mernst1806, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Neben den lauten und leisen Stimmen, die diese Ungerechtigkeiten kritisieren, lässt sich die Entstehung eines neuen „Ostbewusstseins“ beobachten. Ostdeutsche Identitäten sind vielschichtig und bunt. Mal trotzig, sich abgrenzend, oft aber auch vom Stolz auf das Erreichte geprägt und mitunter Zeichen einer Resilienz, also des gestärkten Hervorgehens aus Erfahrungen des Scheiterns. Während in den Jahren nach der Deutschen Einheit viele Ostdeutsche den Warenwelten des untergegangenen Staates nichts mehr abgewinnen konnten und die eigenen Lebensmittel, Möbel, Architekturen usw. ablehnten, erfreuen sich etwa die „RG 28“-Handrührgeräte aus dem Volkseigenen Betrieb Elektrogerätewerk Suhl, Möbel aus dem sächsischen Hellerau, Superfest-Gläser aus der Lausitz oder ostmoderne Bauwerke wie die ehemalige SED-Bezirksparteischule in Erfurt immer größerer Beliebtheit. Gerade jüngere Menschen, die die DDR nicht mehr selbst erlebt haben, beschäftigen sich mit ihrer ostdeutschen Herkunft. Mit der Entwicklung eines neuen „Ostbewusstseins“ geht auch ein Hype einher, der originär mit Thüringen verknüpft ist: die Renaissance der Simson-Mopeds aus Suhl.
Die Phänomene der letzten gut dreieinhalb Jahrzehnte zu erforschen, zu verstehen und einzuordnen, wird eine spannende Aufgabe der nächsten Jahre darstellen. Wir befinden uns in einem dynamischen zeitgeschichtlichen Aushandlungsprozess. Die Geschichte der sogenannten Transformationszeit, vor allem die der Erlebnisse und Erfahrungen, ist erst noch zu schreiben. Der Freistaat Thüringen nimmt hier hinsichtlich der Lehrplangestaltung für die Schulen eine Vorreiterrolle ein, denn seit dem Jahr 2025 ist die Zeit des deutsch-deutschen Zusammenwachsens seit 1989 Bestandteil des Geschichtsunterrichtes in der gymnasialen Oberstufe.
Marcus Böick, Jammertal statt Wirtschaftswunder? Der ostdeutsche Wirtschaftsumbau und seine Folgen in sieben Schlaglichtern, in: Michael Hofmann (Hg.), Umbruchserfahrungen. Geschichten des deutschen Wandels von 1990 bis 2020, Münster 2020, S. 120-136.
Valerie Schönian, Ostbewusstsein. Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet, München 2020.
Dr. Uta Bretschneider ist Direktorin des Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation und war zuvor Direktorin des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören DDR-Alltagskultur, Transformationszeit und Geschichte ländlicher Räume.