Entstehung und Bedeutung der Residenzen in Thüringen
Was ist eine Residenz?
In der Zeit von etwa 1500 bis 1918 gab es in Europa viele Residenzen. Als „Residenz“ wird der feste Amtssitz eines weltlichen oder geistlichen Herrschers, wie Grafen, Fürsten, Herzöge oder Bischöfe, und der dazugehörige Hof bezeichnet. Wichtige Merkmale einer Residenz nach dieser Definition waren:
Zentraler Ort der Macht: Die Residenz war das politische, administrative und kulturelle Zentrum des jeweiligen Territoriums. Der Herrscher hielt sich hier regelmäßig, aber in der Regel nicht immer auf.
Sichtbarkeit der Herrschaft: Durch prächtige Schlösser, Verwaltungsbauten und den Glanz des Hofes wurde die Macht des Herrschers gegenüber seinen Untertanen, anderen Herrschern oder fremden Gesandten demonstriert („Repräsentation“).
Bürokratie und Verwaltung: In der Residenz befanden sich die landesherrlichen Behörden, die für die Verwaltung des Territoriums notwendig waren.
Wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt: Der Hof mit seinem hohen Verbrauch an Luxusgütern förderte Handel, Gewerbe und Dienstleistungen in der dazugehörigen Stadt. Zugleich wurde die Residenz zu einem Anziehungspunkt für Künstler und Gelehrte.
Urbanes Zentrum: Die Residenz entwickelte sich meist zu einer Residenzstadt, die wirtschaftlich und sozial eng mit dem Hof verbunden war.
Auch in Thüringen entstanden seit Beginn der Frühen Neuzeit zahlreiche Residenzen. Die wichtigsten Herrscherfamilien in Thüringen waren die Ernestiner, die Schwarzburger und die Reußen. Aber auch andere Dynastien wie die Albertiner, die Henneberger oder die Landgrafen von Hessen besaßen Territorien in Thüringen. Diese Herrscherfamilien teilten ihre Gebiete immer mehr auf, so dass zahlreiche kleine Gebiete mit eigenen Residenzen entstanden. Thüringen gehörte zu den Regionen im „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“, in denen es besonders viele Territorien und Residenzen gab. Dadurch wurde die Geschichte Thüringens besonders geprägt.
Welche Rolle spielten die Residenzen in der Geschichte?
Residenzen spielten in der Zeit des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ und im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Sie waren als Sitz des Fürsten und von dessen Regierung und Verwaltung wichtige Herrschaftszentren. Außerdem war die Architektur der Residenzschlösser und die Gestaltung der Städte darauf angelegt, die Macht und den Status des Herrschers sichtbar zu machen. Des Weiteren zogen Residenzen Künstler, Musiker, Gelehrte und Architekten an und wurden zu Orten kultureller Innovation und Entwicklung. Theater, Bibliotheken, Verlage oder wissenschaftliche Gesellschaften entstanden oft in ihrem Umfeld. Schließlich hatten der Hof und die Verwaltung einen großen Bedarf an Waren und Dienstleistungen, was das wirtschaftliche Wachstum und den Wohlstand der Residenzstadt förderte. Davon profitierten Handwerker, Händler und Bedienstete.
Die Residenzen spiegelten die föderale Gliederung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und nach dessen Ende 1806 ebenso den föderalen Charakter des Deutschen Bundes (1815–1866) sowie des Deutschen Kaiserreiches (1871–1918) wider. Lange Zeit wurde die Vielzahl der Territorien und Residenzen in Deutschland als Element politischer Zersplitterung und damit verbundener politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rückständigkeit angesehen. Inzwischen wird in der Geschichtswissenschaft aber die Vielfalt der Residenzen positiver bewertet. So wird auf die Förderung von Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft sowie auf die oft auf Kooperation, Verständigung und Ausgleich von Konflikten angelegte politische Kultur hingewiesen.
Welche Bedeutung haben die früheren Residenzen heute?
Im November 1918 dankten die Monarchen in Deutschland ab. Damit verloren die Residenzen ihre bisherigen politischen und gesellschaftlichen Funktionen. Sie wurden nun meist einer neuen Nutzung zugeführt. Zunächst ging das Eigentum an vielen Residenzen und den dazugehörigen Kunstsammlungen, Bibliotheken und Theatern an die jeweiligen Länder oder neu gegründete Stiftungen über. Die ehemals privaten Räume und Sammlungen der Fürsten wurden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Viele Schlösser wurden zu Museen umgewandelt. Noch heute zeugen die erhaltenen Residenzschlösser von der reichen föderalen Tradition der deutschen Geschichte. Nicht zuletzt sind die ehemaligen Residenzen heute ein wichtiger touristischer Faktor. Sie ziehen jährlich Millionen von Besuchern an und leisten damit einen großen Beitrag zur regionalen Wirtschaft.
Hans Patze/Walter Schlesinger (Hrsg.): Geschichte Thüringens, Bd. 5: Politische Geschichte in der Neuzeit, 2 Bde. in 3 Teilbänden, Köln/Wien 1978-1984.
Konrad Scheurmann/Jördis Frank (Hrsg.): Neu entdeckt. Thüringen – Land der Residenzen. 2. Thüringer Landesausstellung Schloss Sondershausen, 15. Mai – 3. Oktober 2004, Bde. 1-2: Katalog; Bd. 3: Essays, Mainz 2004.
Gerhard Fouquet/Olaf Mörke/Matthias Müller/Werner Paravicini (Hrsg.): Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800). Ein Handbuch, Abteilungen II/III, 3: Systematische Annäherungen an ein höfisch-urbanes Phänomen (Residenzenforschung. Neue Folge: Stadt und Hof – Handbuch, hrsg. Von Gerhard Fouquet/Olaf Mörke/Matthias Müller/Werner Paravicini), Ostfildern 2026.
Harm von Seggern (Hrsg.): Residenzstädte im Alten Reich (1300-1800). Ein Handbuch, Abteilung 1: Analytisches Verzeichnis der Residenzstädte, Teil 1: Nordosten (Residenzenforschung. Neue Folge: Stadt und Hof – Handbuch, hrsg. Von Gerhard Fouquet/Olaf Mörke/Matthias Müller/Werner Paravicini), Ostfildern 2019.
PD Dr. Marco Kreutzmann ist Leiter der Forschungsstelle für Neuere Regionalgeschichte Thüringens an der Friedrich Schiller-Universität Jena.