Wen bezeichnet man in den Jahren des Zweiten Weltkriegs als Zwangsarbeiter, und wer waren sie?
Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sind Personen, die auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss nehmen können. Das heißt, sie können nicht nach eigenem Entschluss die Beschäftigung wechseln, welche Aufgaben sie zu übernehmen haben, wird von den Vorgesetzten diktiert, und sie haben kaum Möglichkeiten, sich über Missstände oder schlechte Behandlung zu beschweren. Ebenso wenig haben sie einen Einfluss darauf, wie viel Lohn sie erhalten. Auch die Entscheidung über ihre Unterkünfte und die Versorgung mit Kleidung und Essen obliegen zumeist den „Arbeitgebern“ oder Vorgesetzten. Vor allem wissen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nicht, wie lange sie ihre Arbeit werden ausüben müssen, und wann sie wieder nach Hause kommen.
Zwangsarbeit konnte in den Jahren der NS-Diktatur von Angehörigen einer Vielzahl von Gruppen verrichtet werden. So wurden Gefängnisinsassen ebenso eingesetzt wie KZ-Häftlinge. Auf Thüringer Boden handelte es sich bei letzteren meist um Gefangene aus den Lagern Buchenwald und Mittelbau-Dora bzw. ihren Außenlagern. Dazu kamen nach Beginn des Zweiten Weltkrieges gefangene Soldaten (und in einigen Fällen wie etwa in Altenburg auch Soldatinnen) von Nationen, die sich mit dem Deutschen Reich im Krieg befanden. Die meisten Zwangsarbeitenden aber waren Zivilisten aus von den deutschen Streitkräften besetzten Ländern. Schätzungen sprechen allein für das heutige Thüringen von bis zu 500.000 Männern und Frauen – darunter zahlreiche Jungen und Mädchen im Alter von 18 Jahren oder weniger.
Wo wurden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen eingesetzt?
1939/40, als die Zahl der Kriegsgefangenen und ausländischen Zwangsarbeiter in Thüringen noch vergleichsweise gering war, kamen viele von ihnen in der Landwirtschaft und bei Bauvorhaben zum Einsatz. Doch bald schon wurde der Einsatz ausgeweitet. Ab 1942/43 gab es kaum einen Beruf und kaum eine Straße, in der nicht Zwangsarbeit verrichtet wurde. In den Fabriken, auf den Feldern, in Handwerksbetrieben, beim Fleischer oder Bäcker, in den Gaststätten, bei der Müllanfuhr, auf dem Bau wie im Krankenhaus – überall arbeiteten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Ob in Industriestädten wie Erfurt, Gotha und Jena, oder in kleinen Landgemeinden, 1944/45 waren im Deutschen Reich oft 10 bis 15 Prozent der Einwohner Zwangsarbeitende und Kriegsgefangene. An welchem Punkt einer deutschen Stadt man sich in diesen Jahren auch befand, bis zur nächsten Sammelunterkunft – mal ein Barackenlager, mal eine ehemalige Gastwirtschaft oder Fabrikhalle – musste man selten weit laufen. Ob bei der Arbeit, im Geschäft oder auf der Straße, die Begegnung mit Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen war Teil des deutschen Alltags. Letztlich funktionierte die deutsche Kriegswirtschaft nur noch durch die erzwungene Arbeit zahlloser ausländischer Männer und Frauen. Auch die deutschen Zivilisten in ihrer Gesamtheit waren direkt oder indirekt Nutznießende, denn nur so konnten sie bis weit in das Jahr 1944 eine weitgehend geregelte Versorgung mit Lebensmitteln und Konsumgütern genießen, funktionierten die grundlegenden Dienstleistungen.
Wurden alle Zwangsarbeiter gleich behandelt?
Die Unterschiede in Lebensalltag und Behandlung waren von Fall zu Fall sehr groß. Zwar gab es allgemeine Richtlinien für den Umgang mit den Ausländern, doch wie diese umgesetzt wurden, lag zu einem erheblichen Teil in der individuellen Entscheidung und damit auch der Verantwortung der deutschen Zivilisten. Selbst Angehörige der gleichen Nationalität, die ähnliche Arbeiten verrichteten, machten sehr unterschiedliche Erfahrungen. So konnte es passieren, dass auf dem einen Bauernhof die Zwangsarbeitskräfte korrekt, ja sogar freundlich behandelt wurden. Sie aßen mit den übrigen Bewohnern am gleichen Tisch und hatten angemessene Schlaf- und Wohnräume, ihr Arbeitspensum unterschied sich kaum von dem der Deutschen. Der Bauer oder die Bäuerin ein oder zwei Höfe weiter hingegen ließ die Arbeitskräfte in einem kaum geheizten oder dreckigen Raum schlafen, gab ihnen wenig zu essen, und schlug sofort zu, wenn er oder sie mit irgendetwas unzufrieden war. Im Allgemeinen galt, dass Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und der UdSSR zumeist schlechter behandelt wurden als etwa Westeuropäer. Sie mussten besondere Kennzeichen tragen, wurden geringer bezahlt und schlechter verpflegt. In ihrer knappen Freizeit war ihnen der Besuch von Freizeiteinrichtungen wie Gasthäusern untersagt. Sie wurden öfter Ziel von Übergriffen, und bei Verstößen gegen die Vorschriften härter bestraft – durch hohe Geldstrafen, Haft oder Prügel. An einigen Orten herrschten geradezu mörderische Zustände. So ist davon auszugehen, dass von den rund 13.000 bis 14.000 Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, die im Umland von Kahla für den Bau und Betrieb einer unterirdischen Flugzeugfabrik eingesetzt wurden, 2.000 bis 3.000 während der Zwangsarbeit oder relativ bald nach ihrer Befreiung an den Spätfolgen von Krankheiten, Hunger und Strapazen starben, während Dutzende erschlagen oder erschossen wurden.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Roland Werner: „So einen hatte doch jeder hier im Dorf“. Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft Thüringens 1939-1945, Erfurt 2006.
Marc Bartuschka: "Im Schoß der deutschen Kultur". Ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Weimar 1939-1945, Weimar 2020.
Mark Spoerer: Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939-1945, Stuttgart/München 2001.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.