Die Verfolgung der jüdischen Thüringer
Warum verfolgten die Nationalsozialisten die Thüringer Juden?
Das Land Thüringen und die thüringischen Gebiete Preußens waren bei mehr als zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern in den 1920er Jahren Heimat von vielleicht 6.000 jüdischen Menschen. Damit lag Thüringen deutlich unter dem Reichsdurchschnitt. Die größte Gemeinde befand sich in Erfurt mit ca. 800 Personen. Nordhausen, Gera, Gotha und Eisenach hatten jeweils ca. 350 bis 400 jüdische Einwohner. Wie in ganz Deutschland hatten Jüdinnen und Juden in Thüringen bereits in früheren Jahrhunderten Verfolgung und Ausgrenzung erlebt. Dies speiste sich vor allem aus Vorurteilen gegen sie als Nichtchristen, und war insbesondere im 13./14. Jahrhundert mehrfach blutig eskaliert. Das 19. Jahrhundert sah endlich die rechtliche Gleichstellung der Andersgläubigen. Zugleich aber entwickelte sich eine neue Art der Judenfeindlichkeit, die sich aus der Vorstellung speiste, diese wären gewissermaßen genetisch „andersartig“, gleichgültig welche soziale Stellung sie innehatten, welchen politischen Überzeugungen oder welchem Glauben sie anhingen. Juden wurden für negativ besetzte Erscheinungen der Moderne wie Kapitalismus und Marxismus gleichermaßen verantwortlich gemacht, verbunden mit der Idee einer länderübergreifenden jüdischen Internationale, die einzig darauf ziele, die nichtjüdische Bevölkerung zu manipulieren und auszubeuten. Dies ging an der politischen, sozialen und religiös sehr unterschiedlichen Lebenswirklichkeit der jüdischen Menschen selbstverständlich weit vorbei. Trotz seiner völligen Irrationalität war es dieser „Rassenantisemitismus“, der in der Ideologie der Nationalsozialisten neben dem Wunsch nach quasikolonialen Eroberungen in Osteuropa einen zentralen Platz einnahm.
Wie änderte sich das Leben der Thüringer Juden ab 1933?
Bereits in den Jahren der Weimarer Republik war es vereinzelt zu Übergriffen rechtsradikaler Gewalttäter auf thüringische Juden gekommen. Deren Situation verschlechterte sich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 noch einmal drastisch. Jüdische Beamte und Staatsangestellte wurden mehrheitlich sofort aus ihren Berufen entlassen. Beginnend mit dem 1. April 1933 folgten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte. In den Folgejahren verschärfte sich der Druck auf die jüdischen Thüringer und Thüringerinnen schrittweise. Mehr und mehr wurden sie aus dem Wirtschaftsleben gedrängt. Ab Herbst 1935 waren sie keine vollwertigen „Reichsbürger“ mehr, sondern lediglich „Staatsangehörige“ mit geringeren Rechten. Dies definierte, wer künftig als „Jude“ bzw. „jüdischer Mischling“ galt. Das Wahlrecht oder Zugang zu öffentlichen Ämtern wurde jüdischen Menschen genommen. Später wurde ihnen die Tätigkeit in mehr und mehr Berufen untersagt.
Ab wann begann die systematische gewaltsame Verfolgung der thüringischen Juden?
Das reichsweite Pogrom in der Nacht vom 9./10. November 1938 sah in Thüringen die Verwüstung nahezu aller Synagogen und Gebetshäuser. Flächendeckend wurden jüdische Geschäfte zerstört und geplündert, jüdische Familien angegriffen, der Rabbiner von Mühlhausen angeschossen. In den Morgenstunden des 10. November verhafteten die staatlichen Dienststellen knapp 1.200 jüdische Männer aus den thüringischen Gebieten und deportierten sie in das KZ Buchenwald, das zudem Haftort für rund 9.000 jüdische Gefangene aus anderen Teilen Deutschlands wurde. Allein von den thüringischen Häftlingen gingen binnen weniger Wochen mindestens zwei Dutzend an Misshandlungen und schlechten Haftbedingungen zugrunde. Viele Thüringer Juden hatten bereits zuvor versucht, Deutschland zu verlassen, und die Zahl der Fluchtwilligen stieg nun noch einmal beträchtlich. Oft aber scheiterte die Ausreise, weil andere Staaten keine Flüchtlinge aufnehmen wollten, besonders da diese vom Deutschen Reich systematisch ausgeplündert wurden und so bei der Einreise vielfach mittellos gewesen wären. Ca. 50 bis 60 Prozent der thüringischen Juden und Jüdinnen konnten dennoch bis 1941 das Deutsche Reich verlassen – doch das bedeutet nur dann die Rettung, wenn ihr Fluchtland nicht während des Krieges unter deutsche Besatzung fiel. Ab 1940 wurden die Thüringer Juden in den Städten genötigt, in so genannten „Judenhäusern“ unter beengten Bedingungen zu leben, was die behördliche Überwachung und Schikanierung erleichtert. Am 14. April 1942 erfolgt die erste Massendeportation von fast 150 jüdischen Thüringern in das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek, am 9./10. Mai folgen über 500 weitere, die in das Ghetto Bełżyce verschleppt wurden. Mehr als 350 zumeist ältere Menschen deportierte man Ende September in das Ghetto Theresienstadt. Nahezu alle Deportierten gingen an Hunger und Krankheiten in den überfüllten Lagern zugrunde, wurden erschossen oder letztlich in die Gaskammern der Vernichtungslager getrieben. Bis Kriegsende folgten weitere, kleinere Deportationstransporte, der letzte Anfang 1945. Zugleich wurden zehntausende zumeist ausländische jüdische männliche und weibliche Häftlinge in den Konzentrationslagern Mittelbau-Dora und Buchenwald, bzw. in ihren Außenlagern auf thüringischen Boden als Zwangsarbeiter in Bauprojekten und für die Rüstungsproduktion ausgebeutet, etwa in Altenburg, Berga-Elster, Mühlhausen, Schmiedebach, Sömmerda und Taucha. Zahlreiche von ihnen fielen den schlechten Lebensbedingungen oder der Gewalt der Todesmärsche bei Kriegsende zum Opfer.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Monika Gibas (Hrsg.): „Arisierung“ in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens, 2 Bde., Erfurt 2006.
Carsten Liesenberg/Harry Stein (Hrsg.): Deportation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942, Erfurt 2012.
weiterführende Literatur:
Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten/Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Bd. 8: Thüringen, Frankfurt am Main 2003.
Liesenberg, Carsten: „Wir täuschen uns nicht über die Schwere der Zeit...“. Die Verfolgung und Vernichtung der Juden, in: Detlev Heiden/Gunter Mai (Hrsg.): Nationalsozialismus in Thüringen, Weimar u. a. 1995, 443-462.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Monika Gibas (Hrsg.): „Arisierung“ in Thüringen. Entrechtung, Enteignung und Vernichtung der jüdischen Bürger Thüringens, 2 Bde., Erfurt 2006.
Carsten Liesenberg/Harry Stein (Hrsg.): Deportation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942, Erfurt 2012.
weiterführende Literatur:
Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten/Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Bd. 8: Thüringen, Frankfurt am Main 2003.
Liesenberg, Carsten: „Wir täuschen uns nicht über die Schwere der Zeit...“. Die Verfolgung und Vernichtung der Juden, in: Detlev Heiden/Gunter Mai (Hrsg.): Nationalsozialismus in Thüringen, Weimar u. a. 1995, 443-462.
Kontakt
Telefonnummer: 0361 / 57 32 12 701
E-Mail Adresse:
info@lzt.thueringen.de