Welche Gruppen leisten als erste Widerstand gegen die Diktatur?
Widerstand aus den Reihen von Kommunisten, Gewerkschaftlern und Sozialdemokraten formierte sich frühzeitig. Sie stellten mit deutlichem Abstand die größte Zahl aktiver Widerstandskämpfer – und zahlten dafür einen hohen Preis. Nachdem Bemühungen um eine geeinte Front des Widerstandes an Vorbehalten in den Reihen von KPD und SPD gleichermaßen gescheitert waren, kam es an der Parteibasis dennoch frühzeitig zu gemeinsamen Aktionen. Bis 1936 konnte die KPD in Thüringen immer noch in der Illegalität operieren, doch wurden die Parteistrukturen durch den zunehmend effektivem NS-Repressionsapparat weitgehend zerschlagen. Ähnlich erging es der SPD, deren Mitglieder in größerer Zahl im Raum Gera als Teil einer Untergrundorganisation von zeitweilig um die 500 Mitgliedern aktiv waren. Diese wurde jedoch gleichfalls in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre zerschlagen und weit über 100 Haftstrafen verhängt. Danach manifestierte sich Widerstand von Angehörigen der verbotenen Arbeiterparteien meist in kleineren Gruppen, die aus Furcht vor Spitzeln nur losen Kontakt zueinander hielten. Erst im Verlauf des Krieges entstand mit der Neubauer-Poser-Gruppe wieder eine weitreichende, überwiegend kommunistische Untergrundorganisation mit Schwerpunkt in Gotha und Jena. Sie verbreitete tausende Flugblätter und Aufklärungsschriften, wurde aber durch die Verhaftung und den Tod der namensgebenden Initiatoren Magnus Poser und Theodor Neubauer 1944/45 deutlich geschwächt. Selbst im KZ Buchenwald bildete sich eine mehrheitlich kommunistisch-sozialdemokratische Widerstandsorganisation heraus. Wiewohl ihre Angehörigen unter sehr widrigen Umständen agierten, mitunter zweifelhafte Kompromisse eingingen und für die Rettung von Angehörigen der eigenen Gruppe das Wohl anderer Häftlinge vernachlässigten, retteten sie zahlreiche Leben. Im Moment der Befreiung des Stammlagers durch die amerikanischen Truppen am 11. April 1945 griff der Lagerwiderstand mit heimlich beschafften Waffen ein und nahm rund 80 SS-Wachleute gefangen.
Wie breit gefächert war der Widerstand gegen den Nationalsozialismus?
Jede Widerstandshandlung war die Tat einer kleinen Minderheit mutiger Frauen und Männer. Auch wenn die Gesamtzahl der Beteiligten in Thüringen insgesamt mehrere tausend betrug, und Widerstandsaktivitäten in mindestens 50 Städten und Gemeinden belegt sind, mussten sie doch stets die Denunziation durch ihre Mitbürger fürchten. So war Widerstand oft eine Handlung Einzelner oder kleiner Gruppen. Dies galt besonders für bürgerliche Demokraten und Konservative, die in Thüringen nur vereinzelt aktiv waren, etwa in Erfurt, Gera und Jena.
Einen bis heute kaum beachteten Beitrag leisteten „Zwangsthüringer“ – jene Männer und Frauen, die aus ihren Heimatländern zum Zwangsarbeitseinsatz nach Mitteldeutschland deportiert worden waren. Insbesondere in größeren Rüstungswerken formierten sich Widerstandszellen in ihren Reihen, vor allem unter den sowjetischen Deportierten. So inhaftierte die Gestapo im Sommer 1943 in Jena acht sowjetische Männer, die versucht hatten, die Arbeit im Betrieb Jenaer Glaswerk Schott & Genossen zu sabotieren, und die Sprengung des Gasgenerators des Werkes vorbereiteten. Etwa zur selben Zeit wurden rund 20 mehrheitlich sowjetische Zwangsarbeiter in Weimar verhaftet, die versucht hatten, eine Untergrundzelle zu bilden. Die Beteiligten wurden in Konzentrationslager überstellt, und mehrere von ihnen gingen dort zugrunde.
Welche Formen des indirekten Widerstandes gab es?
Sich dem Anpassungsdruck der Nationalsozialisten zu verweigern, ihrer Propaganda zu widerstehen, barg geringere Risiken als die Verbreitung von Flugblättern oder aktive Sabotage. In einer mehrheitlich konformen Gesellschaft erforderte indes auch dies Mut, und konnte ernste Konsequenzen haben, etwa wenn man sich der kriegsgerichteten Mobilisierung verweigerte. Beispiel dafür sind die „Zeugen Jehovas“, welche jede politische Betätigung im Sinne des Regimes wie auch den Dienst an der Waffe verweigerten. So wurden im Frühjahr 1937 in Schleiz zehn Angehörige der Glaubensgemeinschaft zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, zwischen 1935 und 1937 wurden in Weimar rund 50 Angehörige verurteilt. Eine vergleichsweise breit gefächerte Gruppe mit gewisser Distanz zum NS-Regime stellten die Angehörigen der Bekennenden (evangelischen) Kirche dar. Diese verweigerten sich nicht offen den Anforderungen der Diktatur, und traten nicht für deren Überwindung ein. Sie verwahrten sich aber gegen eine Indienstnahme der Kirche im Sinne des Regimes, so dass man sie zumindest als eine Kraft der Resistenz bezeichnen kann, die sich einer völligen Durchdringung der Bevölkerung durch die NS-Ideologie widersetzte. Die Pfarrer der Bewegung wollten ihr Amt allein an der Bibel ausrichten und an den Bekenntnissen der Reformation – eine Verweigerung des unverhohlenen Bündnisses vieler protestantischer Gläubiger und Priester mit der Diktatur. Von den rund 1,4 Millionen evangelischer Christian in Thüringen gehörten indes wohl nur ca. 10.000 bis 20.000 der Bekennenden Kirche an, und vielleicht 160 von den 730 Geistlichen.
In direkter Konfrontation mit dem Kontrollanspruch der Diktatur gerade über die kommenden Generationen standen nonkonforme Jugendgruppen, wie sie sich bereits in den 1930ern etwa in Erfurt formierten. Während des Krieges entstanden zudem Ableger der „Edelweißpiraten“, ursprünglich eher im Rheinland beheimateter informeller Gruppen, in Waltershausen, Gotha und Eisenach, die sich nicht selten Auseinandersetzungen mit der Jugendorganisation der NSDAP, der „Hitlerjugend“ lieferten.
Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten/Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933 – 1945, Bd. 8: Thüringen, Frankfurt am Main 2003.
Willy Schilling: Hitlers Trutzgau. Thüringen im Dritten Reich, Band II, Jena/Quedlinburg 2008, 91-120.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.