Die ersten Jahre: Politische Spaltung und das „rote Thüringen“
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920 verschärfte die politischen Spannungen in Thüringen. Trotz der erfolgreichen Landesgründung war das Land von Konflikten und gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt. Wie sich Thüringen zwischen revolutionären Experimenten und politischer Spaltung bewegte.
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch verschärft die Spaltung
Revolution und Landesgründung zwischen 1918 und 1920 können in der Rückschau geradezu harmonisch und reibungsarm erscheinen – lässt man das stürmische Gotha mit seinen räterepublikanischen Experimenten und ihrer teils gewaltsamen Eindämmung einmal außen vor. Tatsächlich war dieser Prozess von einem großen Grundkonsens getragen, den Thüringer Kleinstaatenjammer zu beenden. Dieses gemeinsame Ziel sorgte für einigen Pragmatismus auch über die Grenzen politischer Lager hinweg. Viele der Protagonisten der Revolution aus den Einzelstaaten blieben der Landespolitik erhalten. Erster leitender Staatsminister wurde 1920 etwa Arnold Paulssen (DDP), der das Amt zuvor im Freistaat Sachsen-Weimar-Eisenach innegehabt hatte – und es auch noch einmal in Thüringen von Ende 1928 bis Anfang 1930 bekleidete.
Die zielstrebig umgesetzte demokratische Landesgründung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, in welch angespannter Atmosphäre all dies geschah, und welche tiefen politischen Gräben in den ersten Jahren gezogen wurden. Deutlich wird dies etwa daran, dass die Gründung des Landes um ein Haar am Kapp-Lüttwitz-Putsch im März 1920 gescheitert wäre: Als im Januar alle Freistaaten den Gemeinschaftsvertrag unterzeichnet hatten, stand nur noch die Zustimmung durch den Reichsrat und den Reichstag aus. Doch dazu sollte es zunächst nicht kommen, schlicht deshalb, weil die demokratische Reichsregierung durch die Putschisten aus Berlin vertrieben wurde. Auch einige der Thüringer Regierungen setzten die Putschisten kurzzeitig gewaltsam ab.
Deutschland stand mit einem Bein im Bürgerkrieg. Im Zuge der Abwehr des Putsches, linker Aufstandsversuche und ihrer gewaltsamen Niederschlagung war Thüringen einer der Hotspots der bürgerkriegsartigen Kämpfe zwischen Arbeiterwehren, Freikorps und Reichswehr. Auf dem Gebiet des heutigen Thüringen fielen etwa 350 Menschen dieser Gewalt zum Opfer. Exemplarisch für die Brutalität der Konfrontation stehen die „Morde von Mechterstädt“: Mitglieder eines Marburger Studentenkorps erschossen am 25. März 1920 in der Nähe von Gotha 15 Mitglieder einer Arbeiterwehr, die sich kurz zuvor kampflos ergeben hatten. Erst nach der Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung in Thüringen und Berlin wurde schließlich im April 1920 die Zustimmung des Reichs zur Landesgründung möglich.
Unversöhnlichkeit der Lager: „Bolschewisten“ vs. „Reaktionäre“
Der Kapp-Lüttwitz-Putsch hatte auch in Thüringen die politischen Gräben sichtbar gemacht und noch einmal vertieft: Auf der einen Seite stand das sozialistische Lager mit der SPD und der noch weiter links stehenden USPD, die ab 1923 diese Rolle an die 1919 gegründete KPD abgab. Auf der anderen Seite standen schon seit der Revolution die ‚Bürgerlichen‘. Zunächst hatte die linksliberale DDP die wichtigste Rolle gespielt, was die Zusammenarbeit mit der SPD erleichterte. Die rechtsliberale DVP Gustav Stresemanns trat das erste Mal zur ersten gemeinsamen Landtagswahl 1920 an. Eine Besonderheit in Thüringen war der Thüringer Landbund, der sich zur wichtigsten Kraft auf der rechten Seite entwickelte und dort eng mit der republikfeindlichen und antisemitischen DNVP zusammenarbeitete. Schon früh etablierten sich Nationalsozialisten und völkische Kräfte am rechtsextremen Rand. Die katholische Zentrums-Partei, andernorts eine Vermittlerin zwischen den Lagern und eine starke Stütze der Republik, spielte im protestantischen Thüringen keine Rolle.
Die Unversöhnlichkeit beider Lager prägte die politische Entwicklung des jungen Landes, was durch den raschen Bedeutungsverlust der DDP begünstigt wurde. Die von der USPD tolerierte Minderheitsregierung Arnold Paulssens aus SPD und DDP verlor bei der Landtagswahl 1921 ihre Arbeitsgrundlage. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass Politiker aus beiden Lagern zusammen in der Regierung waren.
Ein linksrepublikanisches Experiment? Das „rote Thüringen“ 1921-1924
Bei der Wahl 1921 hatte das linke Lager eine Mehrheit von 28 zu 26 Sitzen errungen. SPD (13) und USPD (9) bildeten eine Minderheitsregierung unter Duldung der KPD (6), erster Staatsminister wurde der Sozialdemokrat August Frölich aus Sachsen-Altenburg. Die ‚rote‘ Regierung Frölichs verfolgte einen konsequenten Kurs der Republikanisierung in Verwaltung und Polizei sowie in Bildung und Wissenschaft, hier unter dem sozialdemokratischen Volksbildungsminister Max Greil. Dies alles stieß den ‚Bürgerlichen‘ sauer auf.
Noch schlimmer wurde es aus deren Sicht, als im Krisenjahr 1923 die KPD auch formell in die Regierung eintrat und das Justiz- und Wirtschaftsressort übernahm. Ähnlich wie zur gleichen Zeit in Sachsen sollte sich die „Arbeiterregierung“ für einen „Deutschen Oktober“ oder die Abwehr einer aus München kommenden faschistischen Machtübernahme bereithalten. Beides scheiterte in den ersten Ansätzen. Stattdessen schritt das Reich ein, ließ die Reichswehr in Thüringen einmarschieren und kündigte eine „Reichsexekution“ an. Nur durch den Rücktritt der KPD-Minister aus der Regierung blieb diese – anders als in Sachsen – aus. Die restliche Regierung Frölich blieb noch bis zur Landtagswahl im Februar 1924 im Amt. Dort errang das bürgerliche Lager – zusammengeschlossen zum „Thüringer Ordnungsbund“ – 48 % der Stimmen, ließ sich von den Völkischen tolerieren und beendete damit die linksrepublikanische Episode des „roten Thüringen“.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Steffen Raßloff: Der Freistaat Thüringen 1920–2020. Erfurt 2020.
Christian Faludi/Manuel Schwarz: Umbruch 1919. Thüringen zwischen Revolution und Landesgründung, Erfurt 2019.
weiterführende Literatur:
Christian Faludi: Die Gründung des Landes Thüringen 1918 bis 1920, in: Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Michael Grisko (Hrsg.): Moderne und Provinz. Weimarer Republik in Thüringen 1918-1933. Halle (Saale) 2022.
Timo Leimbach: Krisenland Thüringen? – Erfolgsgeschichte Thüringen! Zwei Lesarten 1920–1933, in: Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Dr. Andreas Braune ist Politikwissenschaftler, Historiker und politischer Bildner. Er war Co-Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik sowie wissenschaftlicher Berater und Co-Kurator im Haus der Weimarer Republik: Forum für Demokratie.