Globalisierung war lange ein Versprechen nach globaler Vernetzung, politischer Zusammenarbeit, wirtschaftlichem Wohlstand und Stabilität. In den letzten Jahren zeigen sich jedoch neue Dynamiken, die die Globalisierung nicht auflösen, aber zunehmend verändern. Zölle, Sanktionen und der gezielte Einsatz von Handels- und Finanzbeziehungen werden als machtpolitische Instrumente genutzt, um strategische Abhängigkeiten zu schaffen oder zu verstärken. Diese Entwicklungen werden unter dem Megatrend Geoökonomie zusammengefasst.
Geoökonomie – was ist das?
Geoökonomie beschreibt eine neue Phase der Globalisierung, in der wirtschaftliche Verflechtungen bestehen bleiben, jedoch stärker sicherheitspolitisch und strategisch genutzt werden. Handel, Investitionen, Lieferketten und technologische Abhängigkeiten rücken ins Zentrum internationaler Auseinandersetzungen. Wirtschaft ist damit nicht mehr nur Mittel zur Steigerung von Wohlstand, sondern auch ein Instrument politischer Macht. Es handelt sich nicht um eine Deglobalisierung, bei der Staaten sicherheitspolitische Interessen über wirtschaftliche Regeln stellen, sondern darum, dass sie Handelsbeziehungen und internationale Abkommen als Instrumente nutzen, um sicherheitspolitische Ziele umzusetzen. Ein Beispiel hierfür ist US-Präsident Donald Trump, der mehrmals versucht hat, durch Zolldrohungen und -erhöhungen politische und wirtschaftliche Ziele durchzusetzen.
Wie reagieren Staaten auf geoökonomische Herausforderungen ?
Staaten und Staatenbunde regieren hierauf unterschiedlich. Sie setzen auf eine Rückverlagerung der Produktion ins eigene Land (Reshoring) oder in politisch vertrauenswürdige Staaten (Friendshoring) oder Diversifizieren die Produktion, also teilen die Produktion und Beschaffung auf mehrere Länder auf, um Lieferketten resilienter bzw. risikoärmer zu gestalten. Nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen setzen auf solche Strategien, um ihre Abhängigkeiten zu minimieren und ihre Produktion effizient und kostengünstig zu gestalten. Diese Strategien wurden durch neue Wirtschaftsabkommen wie das Mercosur-Abkommen zwischen der EU und südamerikanischen Staaten sichtbar.
Wie wirkt sich Geoökonomie auf Thüringen aus?
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Was sich auf der politischen und wirtschaftlichen Weltbühne abspielt, spiegelt sich auch auf regionaler Ebene wider. Auch Thüringen ist durch Exportproduktionen an globale Wirtschaftsketten gebunden. Werden diese beeinträchtigt oder fallen gar weg, macht sich das auch hier bemerkbar – besonders in kleinen und mittelständischen Unternehmen, wie Thüringen viele hat. Zölle, Lieferengpässe und sinkende Nachfrage wirkt sich insbesondere auf das verarbeitende Gewerbe aus. Branchen wie Optik, Maschinenbau und die Automobilzulieferindustrie sind exportorientiert und auf internationale Märkte und verlässliche Abkommen angewiesen. Unternehmen rund um Jena, etwa in der Optik- und Photonikbranche, sind von seltenen Materialien und internationalen Forschungskooperationen abhängig. Politische Spannungen oder Handelsbeschränkungen wirken sich hier unmittelbar auf Produktionskosten und Innovationsprozesse aus. Auch Automobilzulieferer in Süd- und Ostthüringen stehen vor Herausforderungen: Unsichere Lieferketten, steigende Energiepreise und der technologische Wandel hin zur Elektromobilität verändern Geschäftsmodelle und Beschäftigungsstrukturen. Gleichzeitig entstehen neue Chancen, etwa durch Investitionen in klimafreundliche Technologien, regionale Zuliefernetzwerke oder europäische Industrieprogramme. Globale Entscheidungen wirken sich somit direkt auf Arbeitsplätze, Ausbildungsperspektiven und die regionale Entwicklung aus.
Wie können wir mit dem Megatrend umgehen?
Der Megatrend Geoökonomie wirft damit grundlegende Fragen für das zukünftige Zusammenleben auf: Wie viel wirtschaftliche Abhängigkeit ist sinnvoll? Wie lassen sich Offenheit, Sicherheit und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden? Und wie können Entscheidungen so getroffen werden, dass sie langfristig tragfähig bleiben?
Geoökonomie macht sichtbar, dass globale Entwicklungen das tägliche Leben beeinflussen – von Energiepreisen über Arbeitsplätze bis hin zu Konsum- und Mobilitätsentscheidungen. Sie zeigt zugleich, dass Zukunft gestaltbar ist. Wenn Unternehmen, Politik und Gesellschaft auf resiliente, nachhaltige und faire Wirtschaftsstrukturen setzen, eröffnen sich neue Handlungsspielräume. Informierte Auseinandersetzung, kritisches Hinterfragen von Interessen und das Abwägen von Alternativen sind dabei bedeutsame Voraussetzungen. So wird deutlich, dass das Zusammenleben von morgen nicht allein von Märkten oder geopolitischen Machtkämpfen bestimmt wird, sondern von den Entscheidungen, die heute gemeinsam getroffen werden. Die Auseinandersetzung mit Geoökonomie wird so zum Lernfeld für demokratisches Handeln: Sie zeigt, dass globale Entwicklungen das morgige Zusammenleben unmittelbar beeinflussen, und macht deutlich, dass Gestaltung nicht allein Sache des Marktes oder der Politik ist, sondern auch von informierten Bürgerinnen und Bürgern abhängt.
Milan Babić: Geoökonomie. Anatomie der neuen Weltordnung, Bonn 2025.