In Thüringen brachte die Weimarer Republik eine rasante Modernisierung: das Bauhaus als Kunstsymbol, Frauen in Führungspositionen, sowie Fortschritte in Technik und Infrastruktur wie Autos, Strom und Rundfunk – auch in ländlichen Regionen.
Eine Gesellschaft zwischen den Extremen
Die politische Polarisierung und Lagerbildung in Thüringen während der Weimarer Republik ist ein Abbild und eine Folge der gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen der Zeit. Ähnlich wie im restlichen Deutschland zeigt diese viele Gesichter zwischen zwei Extremen: beschleunigte Modernisierung einerseits; Beharrung und Furcht vor Modernisierung andererseits, die sich oft mit einer Ablehnung von Demokratie und Republik paarte. Hinzu kommen wirtschaftliche Krisen wie die Hyperinflation 1923 und die Weltwirtschaftskrise 1929-32, die auch viele Thüringerinnen und Thüringer hart trafen: gerade im kleinen und mittleren Bürgertum, der Beamtenschaft und im Handwerk. Entsprechend stieg die Anfälligkeit für politische Radikalisierung.
Thüringen blieb – gerade im Vergleich zu anderen Regionen – noch stärker ländlich geprägt, ohne nennenswerte großstädtische Zentren. Trotzdem bildete in den verschiedenen Industrieregionen Thüringens die Arbeiterschaft ein festes Reservoir für das sozialdemokratische, später auch das kommunistische Milieu. Die ehemaligen Residenz- und Mittelstädte wurden trotz ihrer geringen Größe zu kulturellen Zentren der Modernisierung, oft aber im Konflikt mit konservativen Teilen der Einwohnerschaft. Hier wirkte auch die dichte Kulturlandschaft der ehemaligen Residenzen fort. Weimar, Meiningen, Altenburg, Gotha, Gera, Greiz, Apolda, Jena, Eisenach, Suhl, Sondershausen und Ilmenau waren sicherlich kein „Babylon Berlin“, aber dennoch Städte mit Lichtspielpalästen, teils avantgardistischen Kunstvereinen, Theatern und auch dem ein oder anderen Varieté. Mit dem Bauhaus hatte das Symbolder künstlerischen, gestalterischen und gesellschaftlichen Avantgarde seine Wiege in Thüringen – aber seine Vertreibung aus Weimar 1925 ist auch sinnbildlich für die Zerrissenheit der Gesellschaft.
Die „neue Frau“ in Thüringen
Im Vergleich zu den Jahren vor 1918 und nach 1933 profitierten vor allem Frauen von der Öffnung der Gesellschaft. Zunächst erhielten sie mit der Revolution das aktive und passive Wahlrecht, so dass Frauen auch in der Thüringer Landes- und Kommunalpolitik erstmals Mandate erringen konnten. Die Lehrerin und Frauenrechtlerin Marie Schulz etwa saß von 1920 bis 1928 für die DDP im Thüringer Landtag und war 1927 sogar Verhandlungsführerin ihrer Partei bei dem (vergeblichen) Versuch der Herstellung einer lagerübergreifenden Koalition.
Überhaupt war es die große Zeit „erster Frauen“: Mit der Öffnung der Berufe der Rechtspflege 1922 konnten Frauen auch in Thüringen erstmals Anwältinnen und Richterinnen werden. Mit der Erziehungswissenschaftlerin Mathilde Vaerting wurde im ‚roten Thüringen‘ 1923 sogar die erste Frau deutschlandweit zur Universitätsprofessorin ernannt – sehr zum Unmut der konservativen Jenaer Professorenschaft. Ebenfalls in Jena wurde Johanna Stirnemann 1930 die erste Museumsdirektorin Deutschlands, als sie die Leitung des Stadtmuseums und des Kunstvereins übernahm, dem sie ein avantgardistisches Programm gab.
Natürlich: nicht alle Frauen profitierten davon, und nicht jede Frau trug Bubi-Kopf, rauchte Zigarette, spielte Tennis, tanzte Charleston und fuhr Auto, wie es das Bild der „neuen Frau“ manchmal unterstellt. Dennoch waren es wichtige, manchmal kleine, oft aber auch rasante Schritte für mehr Teilhabe von Frauen. Fast alle diese Fortschritte, die nicht selten den Hass der Rechten auf sich zogen, wurden nach 1933 zurückgedreht, als Frauen wieder aus Führungspositionen verdrängt wurden.
Technische Moderne in der Provinz
Auch in puncto Technologie und Infrastruktur entstand in der Weimarer Republik vieles, was noch heute typisch für Thüringen ist – auch dadurch, dass trotz der kurzen Dauer der Weimarer Republik die öffentliche Hand als tatkräftige Bauherrin im Wohnungsbau und kommunalen oder Landesprojekten auftrat (oft in Joint Ventures mit kapitalstarken Unternehmen). Planung und Baubeginn der Saale-Kaskade fallen etwa in die 1920er Jahre. Die Bleilochtalsperre war 1932 fertiggestellt und versorgte unter anderem die Zeiss-Werke in Jena mit ‚grünem‘ Strom. Insgesamt schritt die Elektrifizierung auch kleiner Ortschaften rasch voran. Die „Mitteldeutsche Rundfunk AG“ – damals MIRAG abgekürzt, noch nicht mdr – nahm schon 1924 ihren Sendebetrieb in Leipzig auf, später auch mit Außenstellen in Weimar, Gera, Jena, Sondershausen und Eisenach. Auch der Auto-Standort Thüringen entstand, etwa mit der Produktion des Simson Supra in Suhl und dem Fahrzeugbau in Eisenach, der dem Motoren- und Motorradhersteller BMW zum Durchbruch auf dem Automarkt verhalf. Wem das Auto zu langsam war, der konnte laut Sommer-Flugplan der Lufthansa von 1931 täglich für 7 Reichsmark von Rudolstadt nach Gera fliegen, Dauer: 25 Minuten. Diese Beispiele zeigen: Die Moderne hielt in Form von Autos, Strom, Rundfunk und Flugzeug auch in der Provinz Einzug.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Steffen Raßloff: Der Freistaat Thüringen 1920–2020. Erfurt 2020.
Christian Faludi/Manuel Schwarz: Umbruch 1919. Thüringen zwischen Revolution und Landesgründung, Erfurt 2019.
weiterführende Literatur:
Christian Faludi: Die Gründung des Landes Thüringen 1918 bis 1920, in: Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Michael Grisko (Hrsg.): Moderne und Provinz. Weimarer Republik in Thüringen 1918-1933. Halle (Saale) 2022.
Timo Leimbach: Krisenland Thüringen? – Erfolgsgeschichte Thüringen! Zwei Lesarten 1920–1933, in: Andreas Braune/Michael Dreyer (Hrsg.): Föderalismus in der Weimarer Republik. Bollwerk oder Untergrabung der Demokratie? Stuttgart 2026 (in Vorbereitung).
Dr. Andreas Braune ist Politikwissenschaftler, Historiker und politischer Bildner. Er war Co-Leiter der Forschungsstelle Weimarer Republik sowie wissenschaftlicher Berater und Co-Kurator im Haus der Weimarer Republik: Forum für Demokratie.