Wie vollzog sich die Machtsicherung der Nationalsozialisten 1933?
Binnen weniger Monate saßen Anhänger der NSDAP in den führenden Positionen. Bürgermeister wurden ersetzt, die Landes- und Kommunalparlamente zunächst scheindemokratisch umgebildet, bald aber faktisch entmachtet oder ganz aufgelöst. Die Thüringer Landesregierung wurde zum Befehlsempfänger Berlins degradiert, auch wenn mit dem NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter Fritz Sauckel eine neue regionale Machtbasis entstand, die durchaus Spielräume gegenüber der Zentralregierung besaß. Die politischen Parteien außerhalb der NSDAP wurden aufgelöst bzw. lösten sich selbst auf, eine Neubildung wurde gesetzlich verboten. Dennoch basierte die Gleichschaltung keineswegs nur auf Druck und Repression. Beamte und Angestellte bürgerlicher Parteien wurden vielfach – anders als SPD-Mitglieder und Kommunisten – nicht aus ihren Positionen verdrängt. Viele von ihnen, aber auch zahlreiche Parteilose schlossen sich der NSDAP an, um Karriere zu machen. An die Stelle der oft erbitterten Konkurrenz der politischen Parteien in der Weimarer Republik trat das Ideal der „Volksgemeinschaft“. Der Begriff war keine Erfindung der Nationalsozialisten, wurde aber von ihnen neu gedeutet: Unter der Dominanz der einzigen erlaubten Partei, der NSDAP, wurde ein Ende sozialer und politischer Konflikte propagiert. Sie galt freilich nur für die Einwohner „deutschen Blutes“. Diese Einheit war zwar zu einem großen Teil reine Illusion. Wer sich nicht wunschgemäß anpasste, dem drohten handfeste Nachteile bis hin zur Verhaftung. Zugleich wurde die beschworene nationale Einheit, die Unterdrückung sozialer und politischer Konflikte, untermalt durch propagandistische Rituale wie Aufmärsche und gemeinschaftliche Hilfsprogramme wie das Sammeln für das Winterhilfswerk und der „Eintopfsonntag“, bei dem deutsche Haushalte einmal im Monat auf den Sonntagsbraten zugunsten einer Spende verzichten sollten, allerdings von vielen Deutschen tatsächlich als Symptome einer „Schicksalsgemeinschaft“ wahrgenommen. Selbst die Verfolgung ausgegrenzter Gruppen wurde von nicht wenigen Deutschen als eine Chance begriffen. Die Arbeitsplätze entlassender Beamter und Angestellter boten sich für den beruflichen Aufstieg an, die wirtschaftliche Verdrängung jüdischer Deutscher wurde von deren geschäftlichen Konkurrenten ausgenutzt.
Wie gewann die NSDAP die Zustimmung vieler Deutscher?
Nach den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise erwarten viele Deutsche von der neuen Regierung vor allem ein Ende von Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten. Als Adolf Hitler Anfang 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, hatte die Krise tatsächlich ihr Zenit bereits überschritten, auch wenn sich dies zunächst noch nicht weithin sichtbar manifestierte. So konnte die NSDAP die schrittweise Stabilisierung der Wirtschaftslage als ihren Verdienst proklamieren, obwohl diese ohnehin eingetreten wäre. Dazu kamen tatsächliche Hilfsmaßnahmen, die zugleich durch eine machtvolle Propaganda überhöht wurden. Die Nationalsozialisten investierten erhebliche Geldmittel in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Große Bauvorhaben wie der weitere Ausbau der bereits in der Weimarer Republik begonnenen Autobahnen, ab Mitte der 1930er Jahre auch der Hohenwarte-Talsperre, schufen in Thüringen mehrere tausend Arbeitsplätze. Sie dienten freilich stets auch strategischen Zielen und bereiteten die militärische Aufrüstung vor bzw. begleiteten sie. Zugleich expandierte die Rüstungswirtschaft – Siemens, AEG und Telefunken errichteten in Arnstadt, Erfurt und Gera ab 1936 große Werke. Auch in Städten wie Mühlhausen, wo ab 1934 eine Fabrik für Granatzünder entstand, boten neue oder ausgebaute Rüstungswerke Arbeitsplätze. Ab 1937/38 herrschte weitgehend Vollbeschäftigung. Viele Deutsche, darunter nicht wenige frühere Wähler und auch einige Mitglieder der besonders hart verfolgten Arbeiterparteien SPD und KPD, sahen in der sinkenden Arbeitslosigkeit nur Vorteile. Nicht auf den ersten Blick erkennbar war, dass dieser Wirtschaftsaufschwung zum Gutteil auf Kredit funktionierte und sich der Staat zunehmend verschuldete. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 wurde von vielen als Beweis nationaler Stärke und Selbstbewusstseins wahrgenommen, nicht als gezielte Vorbereitung auf einen Eroberungskrieg. Außenpolitische Erfolge, wie die Rückgliederung des unter Völkerbundmandat stehenden Saargebiets nach einer Volksabstimmung 1935 oder der von den ehemaligen Siegermächten mit schwachen Protesten hingenommene Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte Rheinland 1936, schienen dieses Bild deutscher Stärke im Unterschied zur Situation nach dem Ersten Weltkrieg zu bestätigen.
Wie normal war das Leben 1933 bis 1939?
Für die Mehrzahl der Deutschen waren dies in der Tat vergleichsweise normale Jahre, so lange sie nicht zu einer politisch, rassistisch oder aus anderen Gründen verfolgten Gruppe gehörten. Es war nicht so, dass es ihnen wirtschaftlich herausragend ging. Besonders Arbeiterfamilien und in der Landwirtschaft Beschäftigte mussten weiterhin sparsam leben, da die Reallöhne die steigenden Lebenshaltungskosten kaum überholten. Die Möglichkeit, in der besseren Wirtschaftslage etwa durch Streiks deutliche Lohnverbesserungen zu erzwingen, war den Menschen genommen worden. Die wirtschaftliche Stabilisierung wurde aber nach den Erfahrungen der Kriegs- und Krisenjahre seit 1914, nur kurz unterbrochen durch die relativ stabile Zeit 1924 bis 1929, als deutliche Verbesserung wahrgenommen. Nach der massenhaften Erfahrung von Hunger und Arbeitslosigkeit konnte dies wenig überraschen. Angebote wie die bis 1939 reichsweit organisierten, vergleichsweise billigen sieben Millionen ein- bis dreiwöchigen Urlaubsreisen und 35 Millionen Kurzreisen der Organisation „Kraft durch Freude“ schufen die Illusion eines Staates, der seinen Bürgerinnen und Bürgern neue Möglichkeiten eröffnete.
Willy Schilling: Hitlers Trutzgau. Thüringen im Dritten Reich, Band I, Jena/Quedlinburg 2005, 28-50, 90-104 & 114-138.
Dr. Marc Bartuschka ist Historiker und forscht und publiziert zur Geschichte Thüringens im 20. Jahrhundert mit dem Schwerpunkt NS.
Seit 2021 ist Marc Bartuschka Referent in der Gesellschaft zur Erforschung der Demokratiegeschichte.