Zukunft gemeinsam gestalten

Das Jahresthema der Thüringer Landeszentrale für politische Bildung 2026

Zukunft betrifft uns alle – als Gesellschaft, als Institutionen und als Einzelne. Doch was meinen wir, wenn wir von Zukunft sprechen? Ist sie Schicksal oder Aufgabe, Risiko oder Chance, Bedrohung oder Gestaltungsraum? Unter dem Jahresthema „Zukunft gemeinsam gestalten“ widmen wir als Thüringer Landeszentrale für politische Bildung uns im gesamten Jahr 2026 in Veranstaltungen, Publikationen und unseren digitalen Angeboten zentralen Fragen unserer Zeit: Welche Werte, Emotionen und Erwartungen prägen unser Handeln – heute und in Zukunft? Wie entstehen Vorstellungen von der Zukunft und Zukunftswissen? Und wie können wir in Bildung, Politik und Alltag lernen, Zukunft aktiv zu denken und zu gestalten?

Die nachfolgenden Themendossiers beleuchten verschiedene Perspektiven – von den großen Megatrends, also langfristigen, globalen Wandlungsprozessen, die die Gesellschaft der Zukunft prägen werden, bis zu konkreten Methoden der Zukunftsgestaltung wie Szenariotechnik oder Zukunftswerkstätten. Sie eröffnen unterschiedliche Zugänge zum Nachdenken über Zukunft: Sie zeigen, wie sich Vorstellungen von morgen entwickeln, wie sie politisch, gesellschaftlich und individuell wirken – und welche Fragen sich daraus für unser heutiges Handeln ergeben.

Zukunft – Zufall, Schicksal oder Gestaltung?

Zwischen Hoffnung und Krise – wie denken wir Zukunft heute?

Zukunft wird heute ambivalent erlebt – also zugleich hoffnungsvoll und verunsichernd. Der Thüringen-Monitor 2024 zeigt: Viele Menschen blicken mit Zuversicht auf ihr persönliches Leben, aber skeptisch auf die gesellschaftliche Entwicklung. Diese Spannung zwischen individueller Hoffnung und kollektiver Sorge verweist auf ein zentrales Merkmal unserer Gegenwart – das gleichzeitige Erleben von Wandel und Unsicherheit.

Hinter dieser Ambivalenz stehen tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die oft als Megatrends bezeichnet werden: Digitalisierung, demografischer Wandel, Klimakrise, Globalisierung und soziale Ungleichheit. Sie verändern Arbeitswelten, politische Kommunikation und soziale Beziehungen.

Studien wie der Thüringen-Monitor oder die Shell- und SINUS-Jugendstudien verdeutlichen, dass Zukunft heute weniger als selbstverständlich positiver Fortschritt gilt, sondern als offener Aushandlungsraum. Viele Menschen verbinden mit Zukunft zugleich Erwartung und Überforderung. Diese doppelte Wahrnehmung macht Zukunft zu einer politischen Frage: Wer definiert, was wünschenswert ist – und wer fühlt sich überhaupt in der Lage, daran mitzuwirken?

Ist Zukunft Schicksal oder Entscheidung?

Über Jahrhunderte galt Zukunft als festgelegt – göttlicher Plan, kosmische Ordnung oder unabwendbarer Lauf der Dinge. Erst mit der Aufklärung und dem Glauben an den menschlichen Fortschritt begann sich dieses Denken zu verändern. Zukunft wurde zu einer Frage von Handlungsfähigkeit und Verantwortung.

Doch die Idee der Gestaltbarkeit blieb nicht ungebrochen. Der sich langsam entwickelnde Fortschrittsglaube wurde im 20. Jahrhundert durch Kriege, Krisen und ökologische Grenzen erschüttert. Heute erscheint Zukunft weder vollständig planbar noch vorhersehbar. Sie wird zu einem offenen Feld, in dem vieles möglich, aber nichts garantiert ist.

An die Stelle der einen Zukunft tritt daher auch eine Vielfalt von Zukünften. Manche Entwicklungen scheinen wahrscheinlich, andere sind denkbar, wieder andere bleiben Wunschbilder. Zukunft ist damit weder Schicksal noch reines Produkt individueller Entscheidungen – sie entsteht im Zusammenspiel von Wissen, Macht und gemeinsamen Vorstellungen. Diese Offenheit ist aber nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen, sondern meint vielmehr die Fähigkeit, auch unter Bedingungen von Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Wie beeinflussen Emotionen unser Zukunftsdenken?

Zukunftsbilder entstehen immer auch durch Emotionen wie Angst, Hoffnung, Neugier oder Misstrauen. Diese wirken wie Filter, durch die Menschen Entwicklungen bewerten und Entscheidungen treffen.

Solche Gefühle sind jedoch nie rein privat. Sie verdichten sich in öffentlichen Diskussionen, in Medien oder sozialen Bewegungen und prägen, welche Themen an Bedeutung gewinnen. Wenn Unsicherheit und Angst überwiegen, entstehen vorsichtige oder rückwärtsgewandte Zukunftsentwürfe. Wo Hoffnung und Zuversicht dominieren, wachsen Offenheit und Experimentierfreude.

Emotionen sind damit kein Gegensatz zu rationalem Denken, sondern Teil gesellschaftlicher Orientierung. Sie lenken Aufmerksamkeit, verstärken oder dämpfen Veränderungsprozesse – und beeinflussen so, welche Zukünfte vorstellbar und politisch wirksam werden.

Was lehrt uns Geschichte über Zukunft?

Zukunft lässt sich nicht denken, ohne die Vergangenheit zu verstehen. Jede Gegenwart steht auf den Erfahrungen, Erfolgen und Verfehlungen früherer Generationen. Geschichte macht deutlich, dass Entwicklungen nicht selbstläufig, sondern Ergebnis von Entscheidungen, Machtverhältnissen und Lernprozessen sind.

Ein reflektierter Umgang mit Vergangenheit bedeutet, ihre Bedingungen und Folgen zu analysieren. Das gilt auch für die Brüche und Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts. Wer die dahinterliegenden gesellschaftlichen Mechanismen versteht, kann erkennen, unter welchen Umständen sich Unrecht und Ausgrenzung wiederholen könnten – und was ihnen entgegenwirkt.

Erinnerung ist damit kein Selbstzweck, sondern Teil einer kritischen Gegenwartsanalyse. Sie ermöglicht, Strukturen und Muster zu erkennen, die Zukunft beeinflussen können. Zukunft braucht Erinnerung – nicht als moralische Mahnung, sondern als Grundlage historischer Urteilsfähigkeit.

Wie viel Zukunft steckt in der Gegenwart?

Zukunft entsteht nicht irgendwann, sondern im Handeln der Gegenwart. Sie formt sich in politischen Entscheidungen, wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlichen Aushandlungen und alltäglichen Routinen. Was heute als selbstverständlich gilt, kann morgen zur Grenze oder zum Ausgangspunkt neuer Entwicklungen werden. Das zeigt ein Rückblick in die Vergangenheit.

Verantwortung für Zukunft bedeutet daher, unter Rückgriff auf historisches Wissen gegenwärtiges Handeln im Hinblick auf seine Folgen zu reflektieren. Demokratische Gesellschaften verfügen über Verfahren, in denen solche Fragen öffentlich verhandelt werden – nicht, um endgültige Antworten zu finden, sondern um Perspektiven sichtbar zu machen und gemeinsame Orientierungen zu schaffen.

Zukunftsgestaltung erfordert Lernfähigkeit: die Bereitschaft, auf neue Herausforderungen zu reagieren, Irrtümer zu erkennen und Erfahrungen in neues Wissen zu überführen. Dazu gehört auch, Unsicherheit auszuhalten und sie als Teil gesellschaftlicher Entwicklung zu begreifen.

Zukunft ist kein feststehender Zustand, sondern ein gesellschaftlicher Prozess. Sie entsteht dort, wo Gegenwart verhandelt, Entscheidungen getroffen und Erwartungen formuliert werden.

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