Die Friedliche Revolution 1989/1990 – Aufbruch in die Freiheit
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-005 / CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons
Die Friedliche Revolution beendete 1989/1990 die 40-jährige Herrschaft der SED und führte zum Fall der Mauer. Aus ersten mutigen Protesten in Leipzig, Dresden und Plauen wuchs eine landesweite Bewegung, die mit Losungen wie „Keine Gewalt!“ und „Wir sind das Volk!“ Geschichte schrieb. Das Webdossier zeigt die Etappen dieses Umbruchs anhand der zentralen Losungen der Proteste – vom Aufbegehren der Bürgerbewegungen in der DDR bis zur ersten freien Volkskammerwahl.
Die historische Bedeutung der Friedlichen Revolution von 1989/1990
Die Friedliche Revolution von 1989/1990 beendete nicht nur die 40-jährige Alleinherrschaft der SED, sondern führte auch zum Fall der Mauer. Damit war der Weg zur deutschen Einheit frei. Eine reformierte DDR, die anfangs das Ziel vieler Demonstranten war, stand nicht mehr zur Debatte.
Die Etappen der Friedlichen Revolution
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-010 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE , via Wikimedia Commons
Der revolutionäre Prozess vollzog sich, nach Jahrzehnten relativen Stillstands, in atemberaubendem Tempo.
Ab Mai 1989 setzte eine Fluchtwelle von DDR-Bürgern über die Grenze zwischen Ungarn und Österreich ein. Gleichzeitig besetzten Tausende Ostdeutsche die Botschaften der BRD in Prag, Budapest und Warschau, um so ihre Ausreise zu erzwingen.
Doch nicht alle wollten das Land verlassen. Ab Herbst 1989 mehrte sich der Protest in der DDR. Er verlief in vier Etappen, die sich partiell überlagerten.
In der ersten Etappe, vom 4. 9. bis 9.11.1989, kam es zur Bewusstwerdung der eigenen Kraft. Ausgehend von ersten Straßenprotesten in Leipzig, Arnstadt, Dresden und Plauen kam es in der ganzen DDR zu Massendemonstrationen mit bis zu 500.000 Teilnehmern. Anfangs wurden sie vor allem von neu formierten Bürgerbewegungen wie das Neue Forum (NF), Demokratie Jetzt (DJ) und Demokratischer Aufbruch (DA) getragen.
Nahezu parallel verlief, von Ende September bis 9.11.1989, eine zweite Etappe. Es kam zu einer Politisierung der Unpolitischen, die kurzeitig auch jenen Teil der DDR-Bevölkerung erfasste, der bis dahin seinen Unmut über den Zustand des Landes zurückgehalten hatte. Der anschwellende Protest der Straße erzwang erst den Rücktritt der alten SED-Führung um Erich Honecker und dann die Maueröffnung.
Die dritte Etappe, vom Mauerfall am 9. 11.1989 bis Januar 1990, brachte den Ostdeutschen das Schock-Erlebnis des politischen Pluralismus. Aufgewachsen in der SED-Diktatur, verunsicherte sie die plötzliche Vielstimmigkeit politischer Meinungen und Parteiengründungen – von der Vereinigten Linken über die Grünen bis zur wertkonservativen Deutschen Sozialen Union (DSU) – nachhaltig; mit Auswirkungen bis heute.
Dadurch kam es in einer vierten Etappe, vom Januar bis zum 18.3.1990, zur Rückdelegierung des politischen Handelns an die Berufspolitiker. Namentlich an westdeutsche Führungskräfte, denen die DDR-Bevölkerung am ehesten zutraute, das Land aus der wirtschaftlichen Misere zu führen.
Die erste freie Volkskammerwahl bestätigte dies nachdrücklich. Eindeutiger Wahlsieger wurde mit fast 50% aller Stimmen die, unter massiver Hilfe der Bundes-CDU und Kanzler Helmut Kohl, aus Ost-CDU, DA und DSU geformte „Allianz für Deutschland“. Das „Bündnis 90“ (NF, DJ u.a.) der Bürgerbewegten, die die Friedliche Revolution mutig angestoßen hatten, erzielte dagegen nur 2,9%.
Literatur der Landeszentrale für politische Bildung:
Bernd Lindner: WIR BLEIBEN … DAS VOLK! Losungen und Begriffe der Friedlichen Revolution 1989, Erfurt 2019.
Andreas Fraude: Die Friedliche Revolution in der DDR im Herbst 1989. Erfurt 2014.
weiterführende Literatur:
Thomas Ahbe/Michael Hofmann/Volker Stiehler (Hrsg.): Redefreiheit. Öffentliche Debatten der Leipziger Bevölkerung im Oktober und November 1989, Leipzig 2014.
Andreas Dornheim: Politischer Umbruch in Erfurt 1989/90. Weimar/Köln 1995.
Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009.
Bernd Lindner: Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90. 5. Auflage, Bonn 2010.
Hannes Bahrmann/Christoph Links: Wir sind das Volk: Die DDR im Aufbruch. Eine Chronik, 1. Auflage der Chronik, (1. Auflage der „Chronik der Wende“, 1994), Berlin/Weimar/Wuppertal 1990.
Daniela Münkel. Herbst '89 im Blick der Stasi. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, Berlin 2014.
Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009.
Wolfgang Schuller: Die deutsche Revolution 1989. Berlin 2009.
Prof. Dr. Bernd Lindner ist Kulturhistoriker und Kultursoziologe. Er lehrte zuletzt an der Universität Leipzig, dem KIT und der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig und war Mitarbeiter und Kurator im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.